SEBRA-Buchtipp

Die hier vorgestellten Titel lohnen ebenfalls einen näheren Blick:

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Mi Padre
Las Historias que no deberiamos saber
Frei übersetzt mit „Die Geschichten, die wir nicht wissen sollten“

von Juan Pablo Escobar,
November 2014
Editorial Planeta Colombiana S.A.
ISBN-10: 9584243004
pabloescobarmipadre.com


PABLO ESCOBAR – DER LETZTE 'MACHO' STIRBT ALLEIN

Juan Pablo Escobar, der Sohn des legendären Medellin-Mafiosos, Drogen- gangsters und mutmaßlichen Massenmörders, der am 3. Dezember 1993 von einer Spezialeinheit der Polizei gestellt und zur Strecke gebracht wurde, liefert mit diesem Buch eine subjektive Darstellung der Karriere seines Vaters und versucht sich, zumindest ansatzweise, an einer distanzierenden Kritik.

In Kolumbien avancierte MI PADRE nach Erscheinen zum meistgelesenen Buch der letzten Monate, Beleg dafür, wie sehr der Name und die mit ihm verbundenen Taten die kolumbianische Gesellschaft nach wie vor beschäftigt, wenn nicht elektrisiert. So haben sich viele Leser von diesem Buch Klarheit über die private wie öffentliche Person Pablo Escobar wie auch die gesellschaftlichen Auswirkungen seines Tuns versprochen, und der Verlag heizt mit dem Untertitel „Die Geschichten, die wir nicht wissen sollten“ sowie einer reichlich pathetisch geratenen Einführung diese Erwartungen an, die aber nur ansatzweise erfüllt werden.

Das Buch gewährt einen persönlichen Einblick in den Aufstieg und die Funktionsweise der Drogenkartelle aus Medellín und Cali, die in den 1980er und -90er Jahren zur mächtigen Gegengewalt des Staates geworden waren. Der Staatsapparat jener Zeit ist für die Mafiosos mehr oder weniger bedeutungslos, allenfalls Fassade, mit dem sie nach Gutdünken umspringen, den sie erpressen und verhöhnen konnten. Die Schilderungen des Autors belegen aber auch wie unbeholfen der kolumbianische Staat lange Zeit auf die Aggression der kriminellen Organisation seines Vaters reagierte und sich jahrelang als unfähig erwies, ihm das Handwerk zu legen. Aus Angst, Unfähigkeit, falsch verstandener Milde, Korruption? Die Beantwortung dieser Frage bleibt weiterhin den Zeithistorikern vorbehalten.

'Mi Padre' kann mit vielen interessanten Details aufwarten. Auch die dubiose Rolle so manches Spitzenpolitikers wird am Rande gestreift. Der in Kolumbien längst wieder rehabilitierte Ex-Präsident Ernesto Samper erscheint als raffgieriger junger Wahlkampfleiter, der eifrig Gelder aus dem Drogensumpf einsammelt, um seine politischen Ziele zu erreichen, wohingegen der in den Medien gelegentlich als 'Teflon'-Präsident bezeichnete Àlvaro Uribe (weil an ihm bislang noch jeder Skandal abgeperlt ist) sich nach dem Dafürhalten des Autors Zeit seiner Karriere von den Drogenbossen ferngehalten habe. Den größten Verrat an Pablo Escobar verübten den Einschätzungen des Sohnes folgend aber weder der kolumbianische Staat, seine Repräsentanten und Institutionen in Form des Geheimdienstes DAS oder der Generalstaatsanwaltschaft und auch nicht die abtrünnigen Kumpanen in Form des Kartells von Cali oder die Los Pepes, sondern die eigene Familie Escobar. Allen voran Bruder 'Osito' (das Bärchen), der mit dem US Geheimdienst kooperiert und kollaboriert und Pablo Escobar durch seine Aussagen mit ans Messer geliefert habe. Für einen Kolumbianer kann es nichts Schlimmeres geben, als die eigene Familie durch Verrat zu verlieren, auch wenn, wie im Fall von Juan Pablo Escobar, der abtrünnige Teil der Familie auf die väterliche Seite beschränkt bleibt, wohingegen der mütterliche Teil der Familie mit all seinen bürgerlichen Attributen aus Anstand und Aufrichtigkeit letztlich für den Autor, Ausgangspunkt und Garant für ein neues, selbstbestimmtes Leben ist, jenseits des Teufelskreises fortgesetzter Gewalt, der den Geschäften der Drogenmafia nun einmal immanent ist.



Der berühmte Flieger
In Wirklichkeit war alles ganz anders, klärt uns Juan Pablo Escobar über dieses legendäre Leichtflugzeug über dem Eingangstor zur Hacienda Los Nápoles auf.
Es war nicht etwa der erste Drogenflieger seines Vaters, sondern eine haverierte Piper PA 18, die längere Zeit auf dem Flughafen Olaya Herrera von Medellín herumstand, bevor Pablo Escobar sie nach Nápoles bringen und bis auf den fehlenden Motor restaurieren liess.

Man möchte Juan Pablo Escobar seine Aufrichtigkeit in der Beurteilung des Vaters nicht absprechen, aber die verständnisvolle Schilderung seines Werdeganges liefert doch ein recht einseitiges Bild. Während die vielen Mordtaten des Vaters eher beiläufig geschildert werden, und ihn beinahe als Getriebenen seines Schicksals erscheinen lassen, werden seine Gegenspieler und Widersacher fast ausnahmslos als grausam, illoyal und unehrenhaft dargestellt. Leider verfällt der Autor nur allzu oft diesem Schwarzweiss-Muster. Ganz offenbar ist der lange Schatten des Vaters, aus dem sich der Sohn unter anderem mit diesem Buch zu befreien versucht, auch über zwanzig Jahre nach seinem Dahinscheiden übermächtig.

Dabei hat Juan Pablo an anderer Stelle bereits glaubhaft bewiesen, dass er durchaus in der Lage ist, Distanz zu den Schreckenstaten des Vaters zu üben, den Nachkommen der durch Pablo Escobar Ermordeten Respekt zu erweisen und ihnen die Hand zum Zeichen des Bedauerns zu reichen. Das betrifft insbesondere den Sohn des ermordeten früheren Justizministers Rodrigo Lara Bonilla und die Söhne des ermordeten liberalen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán, die gemeinsam ein beeindruckendes Zeichen der Versöhnung gesetzt haben.

Die Chance, die Zeichen der Versöhnung nun auch in diesem Buch schriftlich zu akzentuieren, lässt der Autor bedauerlicherweise ungenutzt. Viel ist hingegen davon die Rede, dass dem Autor und seiner Familie nun endlich nach so vielen Jahren, das Recht zugestanden werde, als freie unbescholtene Menschen in Kolumbien oder wo auch immer leben zu dürfen und nicht ständig an die Gewalttaten des Vaters erinnert zu werden. Dass das familiäre Erbe auch eine persönliche wie gesellschaftliche Verantwortung für die Hinterbliebenen der vielen Opfer bedeuten könnte, kommt dem Autor nicht in den Sinn. Stattdessen stilisiert er sich selbst zu einem Opfer des Drogenkrieges und richtet einen verständnisheischenden Appell an die Öffentlichkeit, wohingegen man die Reflexion der eigenen Rolle gerade in seiner Beziehung auf den Vater weitgehend vermisst. Bedauerlicherweise überwiegt der Ton der Selbstgerechtigkeit gegenüber dem der Nachdenklichkeit. Damit macht man sich keine Freunde, sondern schürt alte Ressentiments.

Zweifelsohne ist der Versuch, den Vater als einen Menschen aus Fleisch und Blut darzustellen, der von einigen zum Monstrum stilisiert und von nicht wenigen noch immer als Legende verehrt wird, keine einfache Aufgabe. Und der Leser wird die Zuneigung, die der Sohn dem Vater auch noch in den schwärzesten Stunden ihres gemeinsamen Lebens entgegenbringt bei allen Brüchen dieser Schilderung auch mit Anteilnahme aufnehmen. In diesen persönlichen Passagen entfaltet das Buch sogar seine größten Stärken.

Revue passieren lässt Juan Pablo Escobar noch einmal die dramatischen Stunden in den Residencias Tequendama, diesem hässlichen Klotz eines auch damals schon heruntergekommenen Luxushotels im Herzen Bogotás, das nicht einmal Doppelfenster aufzuweisen hatte, die eine Barriere zwischen dem unten tosenden Verkehrslärm und den Autoabgasen schaffen konnte, als die Familie in einem der oberen Stockwerke nach der Rückkehr von der verweigerten Einreise nach Deutschland am 29. November 1993 einquartiert wurde. Die von der DAS abgestellten Sicherheitskräfte schlagen sich auf Kosten der Familie den Bauch mit Langostinos, Mariscos und Steaks voll und ordern den teuersten Whisky. Das entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik und nichts erschiene nahe liegender, als dass der Autor diese Szene mit beißendem Witz schilderte, statt dessen drückt er auf die Tränendrüse, wenn er beklagt, dass die Familie nun für die durch den Staat gewährte Sicherheit auch noch bezahlen müsse.

Dramatisch allerdings die Szene, als der junge Juan Pablo vor dem Kartell von Cali, das nach dem Tod des Vaters die Macht im Drogenhandel übernommen hat und nun auch den Kopf des Sohnes fordert, um sein Leben kämpfen muss, als er erklärt, den gewaltsamen Tod des Vaters nicht rächen zu wollen, sondern im Ausland in Ruhe zu leben. Um zu überleben muss er gehen. Das Cali-Kartell hat den Einfluss der noch verbliebenen Escobars zu Beginn der Einvernahme des damals noch minderjährigen Sohnes sicherlich überschätzt, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, denn auch die Macht des Cali-Kartells steht schließlich nur auf tönernen Füssen. Und so gelingt es Juan Pablo beim Cali-Kartell Mitleid zu erregen, bis sie in ihm nicht länger einen ernstzunehmenden Rivalen wähnen, sondern einen 'harmlosen' Jungen. Schließlich dürfen Mutter und Sohn sogar die auf ihn überschriebenen Immobilien behalten, während der Löwenanteil der vielen Escobar Liegenschaften nach einigem Geschacher an das Cali-Kartell und die mit ihm verbündeten Los Pepes fällt.

Die Romanze der Eltern hatte wie so viele Geschichten junger Liebespaare begonnen. Pablo fährt seine Angebetete im senfgelben R4 zum Aussichtspunkt Estadero El Peñasco mit Blick auf Medellín. Warum hat sich das junge Mädchen in ihn verliebt? Sein Blick, sein maliziöses Lächeln, er ist ein großer Verführer. Nun das dürfte bei einer Halbwüchsigen keine allzu große Kunst gewesen sein. Eine minderjährige Freundin, die anschließend zur Ehefrau und Gefährtin wird, ist im Kolumbien des 20. Jahrhunderts durchaus nichts Ungewöhnliches, man denke nur an die Ehe von Gabriel García Márquez mit Mercedes. Hierin steckt viel an katholischer Tradition, der tiefsitzende Glaube an die heilige Inmaculata. Auch die berühmte Flucht von Arturo Cova, dem Helden aus La vorágine, dem großen Klassiker der kolumbianischen Literatur des vergangenen Jahrhunderts von Jose Eustasio Rivera, mit der minderjährigen Alicia aus Bogotá hinab in die Niederungen der Llanos und des Amazonasgebietes, hat einiges mit den Eskapaden des jungen Pablo Escobar gemein. Er flüchtet mit der nicht einmal Sechzehnjährigen nach Cali und weiter nach Pasto, um sie vor den Traualtar zu führen.

Doch zwischendrin ist der junge Ehemann Pablo Escobar mit ganz anderen Sachen beschäftigt. Autodiebstähle, Schmuggel, weitere Liebschaften und lange Zeiten der Abwesenheit von der jungen Braut füllen die Tage und Nächte aus. Jedenfalls landet er bald darauf im Gefängnis, wo seine kriminelle Laufbahn erst so richtig Fahrt aufnimmt. Hier kommt er erstmals mit den richtig großen Gangstern in Kontakt, einer von ihnen Alberto Prieto 'El Padrino', der die einträgliche Schmuggelroute aus dem Urabá nach Medellín kontrolliert und ihn zu seinem Stellvertreter befördert. Nach zwei Monaten ist Pablo Escobar wieder draußen, das Verfahren wird eingestellt, denn die Beweise sind auf wundersame Weise verschwunden, aber nicht vergessen, sondern im Archiv des El Espectador niedergelegt. Die spätere Veröffentlichung bedeutet das Todesurteil für den Zeitungsdirektor Guillermo Cano.

Den ersten Mord verübt Pablo Escobar vom Motorrad aus an einem aufgelauerten Verräter. Dann kommt die erste Kokainpaste, damals noch aus Ecuador, die in kleinen Laboratorien in einigen Fincas in der Umgebung von Medellín raffiniert und kristallisiert wird. Schließlich kommt der ganz große Drogenhandel in Schwung, als es Pablo Escobar gelingt, die komplette Verwertungskette in die Hand zu bekommen. Das gelingt scheinbar spielerisch, quasi im Vorbeigehen, während die großen Deals in den Diskothekennächten eingeläutet und begossen werden. Zu Beginn der großen Mafialaufbahn erscheint so manches noch spaßig, selbst die Morde an Kumpanen, so als hätte sich Quentin Tarantino den Plot ausgedacht, geradezu hollywoodesk. Pablo Escobar hatte auch eine sehr unterhaltsame Seite und gegenüber Frauen eine charmante Ader, aber allerspätestens mit der Gründung der MAS (Muerte a Secuestradores), den Auftragsmorden an Politikern, Polizisten und unbeteiligten Zivilisten, verliert der Gangster jedes Maß. Seine Maßlosigkeit kennt keine Grenzen mehr, sein Leben wird spätestens zu diesem Zeitpunkt ziel- und schließlich nutzlos. Allein um sein persönliches Ego zu befriedigen wird der Blutzoll in der Folge weiter wachsen, bis zum bitteren Ende. Allmachtsphantasien breiten sich in seinem Kopf aus und die eigene Bedeutung in der Welt misst er am Papst oder dem amtierenden US-Präsidenten.

Die Familie wird erstickt in einem Sammelsurium aus zusammengekauften Immobilien, Antiquitäten und moderner Kunst. Botero Statuen und Dali Gemälde schmücken bald die Flure und Wände der vielen verstreuten Appartements. So anders als viele Neureiche in aller Welt tickten auch die Escobars nicht, was in deutschen Villen die Richters und Kiefers an den Wänden sind, sind in Lateinamerika eben die Dalis und Boteros. Zwischenzeitlich landete auch das Schwert Simón Bolivars, das die Guerrillabewegung M 19 entwendet hatte, bei den Spielsachen des Autors, der es nach einigem Suchen dem Vater zurückgeben musste, als der mal wieder einen der vielen zumeist zum Scheitern verurteilten Deals mit der Regierung oder der Justiz auszuhandeln versuchte. Seinem bald nur noch verbliebenen einzigem und letztem Ziel, niemals in die Vereinigten Staaten ausgeliefert zu werden, scheint er zwischenzeitlich sogar ganz nahe gekommen zu sein, als die Verfassungsgebende Nationalversammlung in der neuen Verfassung von 1991 ein Auslieferungsverbot für alle Kolumbianer ins Ausland festschreibt. Der tiefere Grund für Pablo Escobars Krieg gegen den Staat, gegen Politiker, Generäle, Richter und Widersacher aller Art, erscheint als Konsequenz einer langen Reihe persönlicher Zurücksetzungen und Degradierungen durch das politische und gesellschaftliche Establishment. Der Staat und die Konkurrenz aus Cali schießen ihm am Ende einen nach dem anderen Weggefährten weg. Als sie Gonzalo Rodríguez Gacha 'el Mexicano' in Tolú an der Karibikküste erwischen, erfüllt sich seine Prophezeiung, „es sei besser, die Küste zu meiden, zu gefährlich, es gebe keinen Dschungel und die Gringos seien überall, mit dem Meer im Rücken hast du keine Ausweichmöglichkeit.“

Machen wir uns nun ein anderes Bild von Pablo Escobar, weil wir erfahren, dass er auch eine weiche, gefühlvolle Seite hatte, dass er ein ein Tierfreund war? Dass er gern Papageien fütterte und seltene Tierarten aus Brasilien für seine zum Zoo umfunktionierte Finca Los Nápoles für sündhaft teures Geld einschmuggelte? Sollen wir ihn etwa sympathischer finden, weil hier suggeriert wird, dass er als Ehemann und Vater ein ganz durchschnittlicher 'Macho' alter Schule war, wie sie heutzutage selbst in Kolumbien selten geworden sind, einer der sich von seiner Frau zum Frühstück am liebsten „plátano maduro frito en cuadritos y revueltos con huevo, arroz y carne servieren ließ? Welcher kolumbianische Mann, der kein Weichei ist, würde ein derartiges Frühstück ausschlagen? Seine Begeisterung für James Bond, Bonnie und Clyde, 'Scarface' und John Dillinger? Geschenkt. Ein König ohne Reich, so sah er sich im letzten Lebensjahr, nach der letzten Flucht aus 'La Catedral', als sich die Schlinge um seinen Hals immer fester zog, und er davon faselte in den Amazonasdschungel zu gehen und als Kommandant einer ELN-Einheit noch einmal neu zu beginnen, da muss ihm die Aussichtslosigkeit seines sinnlosen Feldzuges längst bewusst gewesen sein.

Sein Sohn hat die Cleverness und Willensstärke des Vaters geerbt sowie die Charakterfestigkeit und das diplomatische Geschick der Mutter, wertvolle Eigenschaften, ohne die er und seine Familie die letzten zwanzig Jahre wohl nicht so unversehrt überstanden hätten. Juan Pablo Escobar hat mit seinem Buch keine Abrechnung mit dem Vater im Sinn, noch sucht er nach Rechtfertigungen für dessen Missetaten. Es ist der Versuch, die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückzugewinnen, geprägt durch eine nur äußerlich aufregende, aber meistenteils unglückliche Kindheit und Jugend. Das ist eine ganze Menge. Wer hingegen mehr erwartet, wird nach der Lektüre enttäuscht sein.

© Frank Semper, 2015



SEBRA-Buchtipp

 

Der Traum des Kelten
Roman

von Mario Vargas Llosa,
447 Seiten
Gebundene Ausgabe, 2011
Suhrkamp
ISBN-10: 3518422707
EUR 24,90


Der Nobelpreisträger von 2010 hat hier ein abgeklärtes Alterswerk vorgelegt, dass einmal mehr bedeutungsschwere Themen und Motive seiner früheren Werke aufgreift. Man begegnet der körperlichen Gewalt aus „Die Stadt und die Hunde” der tropischen Natur aus „Das Grüne Haus“ und einer entzivilisierten Welt im Umbruch, wie sie der Nobelpreisträger des Jahres 2010 in „Der Krieg am Ende der Welt“ schildert.

Vorliegend geht es um die Lebensgeschichte des wegen Hoch- und Landes- verrats zum Tode verurteilten irischen Diplomaten und frühen Menschenrechts- aktivisten Roger Casement (1874-1916), die aus der Rückschau erzählt wird. Der Fall Casement hatte zur Zeit seiner Verurteilung, der anschließenden Festungs- haft und Exekution, inmitten des ersten Weltkrieges, beträchtliches Aufsehen erregt. Vierzig Jahre später gelangten seine bis dato verschlossenen und möglicherweise in der Zwischenzeit manipulierten Tagebücher als sogenannte Black Diaries erstmals an das Licht der Weltöffentlichkeit und machten die homoerotischen Neigungen Casements publik, ein Skandal im prüden Irland der 1950er Jahre, auf den Vargas Llosa im abschließenden Epilog des Romans noch einmal gesondert hinweist. Roger Casement war auf eine verhängnisvolle, geradezu groteske Weise in den irischen Unabhängigkeitskampf gegen das Vereinte Königreich verstrickt und versuchte mit Hilfe der deutschen Dienste einen Umsturz in Dublin herbeizuführen, der kläglich misslang und mit seiner Festnahme und Verurteilung zum Tode endete. Der außergewöhnliche Zauber, den diese Figur versprüht, rührt aber eher von seinen frühen Aufenthalten im Kongo und der Putumayo-Region im Grenzgebiet zwischen Peru und Kolumbien, in denen sich der zunächst blasse und reichlich orientierungslose junge Mann zu einen engagierten Kämpfer für die Rechte der indigenen Bevölkerung wandelt. Die Figuren von Mario Vargas Llosa gedeihen in aller Regel auf einem romantischen Nährboden. Der junge Roger Casement gerät daher auch nicht durch puren Zufall oder die allgemeinen Umstände in diese heute wie damals abgelegenen Regionen, sondern beseelt durch das Sendungsbewußtsein „den Wilden die Zivilisation zu bringen“, ein weithin gebräuchliches Paradigma der Kolonialzeit, das sich vor Ort recht bald als hohle Phrase entpuppt. Denn die Art von Zivilisation, die die Kolonialmächte den Eingeborenen zu bieten haben, bedeutet nichts anderes als Versklavung, Folter, Völkermord. Casement macht Kontakt mit den legendären Entdeckern und Abenteurern der ersten Stunde in Afrika und schließt sich der Expedition von Morton Stanley im Jahr 1884 an. Stanley sucht den eigenen Ruhm und betrachtet die Eingeborenen mit dem Blick des Zynikers als Menschenmaterial. Vargas Llosa zeigt in der Schilderung des Dialoges zwischen Casement und Stanley die moralische Bruchstelle des kolonialen Selbstverständnisses auf, aber so überzeugend die Argumente sind, die der Autor Casement in den Mund legt, so akademisch trocken bleibt ihre Darstellung.

Trotz oder vielmehr gerade wegen der routinierten Meisterschaft des großen südamerikanischen Vielschreibers, bleibt die Persönlichkeit seiner Hauptfigur über weite Strecken in diesem Roman erstaunlich wage und konturenlos. Vargas Llosa kommt dieser zerrissenen und umstürzlerischen Persönlichkeit nicht wirklich nahe, auch wenn das Buch eine kluge Würdigung Casements als einem der so gut wie vergessenen Urväter der internationalen Menschenrechts- bewegung darstellt. Die moralische Verstrickung des Einzelnen in ein Horrorregime hat in jüngster Zeit Jonathan Littell in „Die Wohlgesinnten“ schon beklemmernder und wirkungsvoller, weil weniger konventionell erzählt.

Der melancholische, sich in sein Scheitern fügende Roger Casement ist durchaus als Gegenfigur seines Autors zu verstehen. Mario Vargas Llosa ist ein durch und durch erfolgreicher Weltbürger, dem jedes revolutionäre Gehabe fremd ist, ein öffentlicher Schriftsteller, ungerührt gegenüber den peinlichen Zuneigungen seiner Anhänger wie den unverholenen Aggressionen seiner Gegner. In dieser bestechenden Form hat ihn der Rezensent zuletzt Ende Mai 2009 in Caracas erlebt, als Vargas Llosa, mitten in den Arbeiten zu dem vorliegenden Buch war. Es waren mal wieder aufregende Zeiten in Lateinamerika und der Fokus lag diesmal auf Venezuela. Mario Vargas Llosa hatte es sich nicht nehmen lassen, als Ehrengast einer durchaus homogenen Gruppe in- und ausländischer Oppositioneller gegen die Chávez-Regierung aufzutreten. Er hielt ein prägnantes wie brilliantes Schlussreferat über den jüdischen Philosophen Isaiah Berlin. Dessen Credo, dass Ideen, die eine einzige Wahrheit versprechen, den Menschen manipulieren, gehört auch zu seinen Grundüberzeugungen. In der aufgeheizten Kongressatmosphäre, die von Pro-Chávez-Demonstranten vor dem Tagungshotel angefacht wurde und in erster Linie seiner Person galten, wirkten die wohlgesetzten Worte besänftigend und ließen, die bei der tags zuvor anlässlich der Einreise des Schriftstellers verbreiteten Anfeindungen des venezolanischen Präsidenten, ins Leere laufen. Der Vortrag von Mario Vargas Llosa über literarische und philosophische Grundfragen konnte einmal mehr und insbesondere auf einem Forum dieser Art eine eminent politische Wirkung entfalten, ohne den leisesten Hauch von Propaganda, die in dem vollbesetzten Saale herauszuposaunen, einige seiner Vorredner an diesem Tag nicht widerstehen konnten. Doch gerade der elegante Essayist stand im Fall von Roger Casement dem „Traum des Kelten“ im Wege.

© Frank Semper, 2012



SEBRA-Buchtipp

Mario Vargas Llosa - Der Traum des Kelten

Die Informanten
Kälte in den Tropen

von Juan Gabriel Váquez
384 Seiten
Gebundene Ausgabe, 2010
Schöffling & Co, Frankfurt a.M.
ISBN-10: 3895610059
EUR 22,90


Der allseits gelobte Roman des kolumbianischen Autors mit Wohnsitz in Barcelona hat nichts gemein mit den Vorstellungen, die man sich gemeinhin von Prosawerken aus Lateinamerika macht, der Ton ist nicht schwelgerisch, sondern nüchtern, beinahe klinisch nackt, die Farben sind nicht opulent, sondern düster, das Thema nicht fantastisch überhöht, sondern moralisch rigide. Das liegt zum einem am Schauplatz der Geschichte, dem Bogotá der 1990er Jahre mit Rückblenden und Bezügen auf die 1940er und 1950er Jahre, zum anderen an einer komplizierten intellektuellen Vater-Sohn Beziehung, die der Geschichte ihren Rahmen verleiht und sie behutsam wie verstörend vorantreibt.

Die Eingangsszene ist anspielungsreich und zugleich lakonisch, ein Telefonat des Vaters, mit dem er den Sohn erstmals in seine Wohnung im Stadtteil Chapinero einlädt, während über Bogotá einer dieser sintflutartigen Wolken- brüche niedergeht, die so charakteristisch für die Stadt während der Regen- monate sind, und den Straßenverkehr regelmäßig und binnen Kürze lahmlegen können. Vásquez weitet das Bild aus auf ein scheinbar nebensächliches Detail, eine unvorsichtige Taxifahrerin, die während des Unwetters ertrinkt, weil sie aus ungeklärten Gründen unter die Karosserie ihres Wagens geraten war. Ein großes Unwetter, ein rätselhafter Zwischenfall, so könnte auch ein Roman von Vásquez weltberühmten Landsmann Gabriel García Márquez beginnen. Doch damit sind die augenfälligen Gemeinsamkeiten der beiden kolumbianischen Schriftsteller schon weitgehend aufgebraucht. Die Vater-Sohn Geschichte nimmt bei Vásquez keinen fantastischen, sondern einen bedrohlich realistischen Verlauf, an dessen Ende, so viel sei verraten, der Vater stirbt und der Sohn mit offenen Fragen zurückbleibt. Erträumt oder erlebt? Die Konturen von Imagination und Wahrheit verschwimmen. Im Großstadtmoloch von Bogotá gibt es keine menschliche Nähe oder Vertrautheit unter den Akteuren, ob unter Bekannten oder Verwandten. Hinter den Gesten und veräußerten Gefühlen verbergen sich Abgründe und Untiefen. Insoweit ist „Die Informanten“ auch ein moderner Großstadtroman, eine Gattung, die in Kolumbien im Gegensatz zu Argentinien (Buenos Aires) oder Peru (Lima) noch jung ist.

Der Ursprung der Geschichte liegt in den 1940er Jahren als die kolumbianische Regierung, die offene Sympathien mit Nazideutschland hegt, ausgelöst durch den japanischen Luftangriff auf Pearl Harbor an der Seite der Vereinigten Staaten in den Krieg eintritt. Unmittelbare Folge der veränderten politischen Ausrichtung ist die Einführung einer „schwarzen Liste“, die all diejenigen Personen betrifft, von denen angenommen wird, dass sie sich der Politik der Vereinigten Staaten entgegenstellen, und damit in erster Linie die kleine, aber wirtschaftlich bedeutsame deutsche bzw. deutschstämmige Kolonie im Land, deren Angehörige sich nunmehr Repressalien ausgesetzt sehen, die bis zur Internierung reichen werden.

Dazu zählt auch der Kleinunternehmer Konrad Deresser, dessen Ehe in Folge der Internierung zerbricht, dessen Vermögen beschlagnahmt und dessen Leben zerstört wird. Der feinsinnige Deresser ist kein Nazi, doch er gerät durch das Zutun des Vaters des Erzählers, des jungen Rechtsanwaltes Gabriel Santoro, auf die schwarze Liste. War Gabriel Santoro nun der Informant, der das Unglück des Konrad Deresser verschuldet hat, war er der Denunziant, der den armen Deresser bei den Behörden anschwärzte und ihn damit der Unglücksseligkeit überantwortet hat? Der Erzähler kommt dem Vater auf die Schliche, als er das Leben der Jüdin Sara Gutermann, einer Jugendfreundin des Vaters für sein erstes Buch recherchiert. In den 1940er Jahren traf sich die deutsche Gemeinde regelmäßig im Hotel der Familie Gutermann in der ländlichen Idylle von Boyacá ebenso wie das politische Establishment, und bis dorthin reicht die Geschichte zurück. Fünfzig Jahre später, Bogotá Anfang der 1990er Jahre, holt die alte Geschichte den am Herzen erkrankten Santoro Senior, nunmehr ein hoch- geachteter Philosophieprofessor, erneut ein. Vater und Sohn misstrauen einander, gehen sich aus dem Weg, belauern sich und versuchen eine zaghafte Annäherung, die misslingt. Die bedrückende Last der Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln. In vielfältig verschachtelten Erzählsträngen wechselt das Geschehen zwischen der Gegenwart und den 1940er Jahren. Vásquez gelingen einfühlsame Psychogramme seiner Figuren, seine kunstvolle Sprache, wenn auch gelegentlich zu detailversessen und etwas gekünstelt, erzeugt eine Direktheit an klinischer Schärfe, die man bislang von Schriftstellern aus Latein- amerika nicht kannte. Dieser präzise Stil offenbart das ganze moralische Dilemma der modernen Großstadtgesellschaft am Beispiel Bogotá. Die kolumbianische Hauptstadt ist hier ein wichtiger Protagonist und nicht bloß Kulisse. Vásquez gestattet uns einen spannenden Blick hinter die Fassaden der sonst geschlossen bleibenden Wohnungen, ihm gelingen wie feine Vignetten gefertigte Stimmungsbilder, die nur derjenige zu erzeugen vermag, der der Stadt in fortwährender Hassliebe verbunden ist. Man kann sich für diese Geschichte keinen geeigneteren Schauplatz denken als Bogotá. Bezeichnend, die Eises- kälte der Nacht, der ständige Regen, das „verfluchte Bogotá mit seinen roten Ampeln in den Nachtstunden, die man zu überfahren sucht“ um auf keinen Fall anhalten zu müssen, es ist das Bogotá zu Beginn der 1990er, zu Beginn der Neuerungen, der neuen Verfassung von 1991, der Liquidierung von Drogenboss Pablo Escobar 1993, vor Apertura und aufziehendem Freihandel, in einer Hauptstadt, die noch ganz bei sich selber ist, und deren Blick noch stärker auf die Vergangenheit als die Zukunft geheftet ist.

Die Geschichte kann kein versöhnliches Ende nehmen, die Nachfahren von Täter und Opfer bleiben sich fremd. Die angerichtete Verstörung auf beiden Seiten ist und bleibt vorerst in Kolumbien ein brandaktuelles Thema. Die jüngst medial präsentierte Aussöhnung zwischen dem Sohn Pablo Escobars und dem Sohn des im Auftrag des einstigen Drogenbosses ermordeten früheren Justizministers Lara Bonilla stellt daher zumindest vorerst einen, wenn auch bemerkenswert hoffnungsstiftenden, Ausnahmefall dar. So einfach macht es uns Vásquez nicht. Sein Roman „Die Informanten“ ist keine einfache Lektüre, er wirft mehr Fragen auf, als er löst. Je mehr hypothetische Antworten dem Erzähler in den Sinn kommen, umso stärken führen sie in die Irre, in ein labyrinthisches Seelenwerk des Erzählers und seiner Figuren. Eine interessant verschränkte kolumbianisch-deutsche Geschichte, die viele Türen öffnet, ein großes Buch eines vielversprechenden Autors.

© Frank Semper, 2011



SEBRA-Buchtipp

Kein Schweigen, das nicht endet
- Sechs Jahre in der Gewalt der Guerilla -

von Ingrid Betancourt
736 Seiten
Gebundene Ausgabe, 2010
Droemer
ISBN-13: 978-3426275481
EUR 22,99

Sechseinhalb Jahre in der Hölle

“Kein Schweigen, das nicht endet” zitiert eine Zeile des chilenischen Dichters Pablo Neruda und ist das Dokument einer Selbstfindung, ein gewichtiges Stück Bekenntnisliteratur.

Ingrid Betancourt versucht ihre sechseinhalb Jahre währende Gefangenschaft bei der kolumbianischen Farc-Guerilla fassbar und erfahrbar zu machen. Sie erzählt auf über 700 umfangreichen Seiten von den schmerzhaften Erlebnissen und Erfahrungen jener bitteren Jahre, ehrlich, ohne falsche Larmoyanz und peinliche Nabelschau. Sie hat sich mit der Abfassung ihres Textes, der ohne professio- nelle journalistische Assistenz entstanden ist, zwei Jahre Zeit gelassen und ihre schwere Leidenszeit in einer detailgetreuen und literarisch ambitionierten Schilderung verarbeitet. Einige ihrer Mitgefangenen haben bereits zuvor persön- liche Berichte veröffentlicht, die in Kolumbien regelmäßig zu Bestsellern avancieren, unter anderem, die mit ihr gemeinsam verschleppte einstige Wahlkampfleiterin Clara Rojas, die drei US-amerikanischen Militärberater Marc, Keith und Tom oder der in einer mutigen Flucht seinen Peinigern entkommene Polizist Pinchao, ausnahmslos interessante und bewegende Erlebnisschilde- rungen, die aber überwiegend deskriptiv, ohne reflektierende Introspektion verfasst wurden und daher recht oberflächlich bleiben. Betancourt sucht weitergehend nach dem tieferen Sinn der sechseinhalb “verlorenen” Jahre im Dschungel.

Vom Leben der anderen Geiseln wusste man in der Öffentlichkeit vor ihrer Geiselhaft nichts. Ingrid Betancourt hingegen war die schillernde Präsident- schaftskandidatin der allerdings chancenlosen grünen Partei Oxígeno Verde und amtierende Senatorin, als sie am 23. Februar 2002 an einer Strassensperre auf dem Weg in die soeben aufgelöste entwaffnete Zone von einer Einheit von Farc-Kämpfern gekidnappt wurde. Betancourt entstammt einer Diplomatenfamilie aus Bogotás besseren Kreisen, sie hat neben dem kolumbianischen auch den französischen Pass, sie ist in beiden Ländern aufgewachsen und sowohl mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy als auch dessen politischen Widersacher Dominique de Villepin befreundet. Ingrid Betancourt ist in den beiden Ländern zuhause, aber das ländliche Kolumbien kennt sie bis zum Tage ihrer Entführung kaum, den Amazonasdschungel sieht sie zum allerersten Mal. Ihre herausragende Stellung im Licht der internationalen Öffentlichkeit macht Ingrid Betancourt zum wohl wichtigsten Faustfand der Farc-Guerilla in den Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung um den immer wieder erwogenen Austausch von Gefangenen, sie wird zur “bekanntesten Geisel der Welt”. Das verschafft ihr während der Geiselhaft keine Privilegien, im Gegenteil, sie ist in gesteigertem Maße Schikanen und Misshandlungen ausgesetzt, umso länger die Geiselhaft andauert.


Solidarität mit Ingrid Betancourt und den anderen FARC-Geiseln (Bogotá, Frühjahr 2006)

Ingrid Betancourt ist es gewohnt, gegen erlittenes Unrecht und Ungerechtig- keiten die Stimme zu erheben. Sie muss lernen, ihre anfängliche impulsive Auflehnung gegen die Willkür ihrer Wächter in sublimere Formen zu kleiden, und sie trotzt sich ein Schweigen ab, dass zu ihrer stärksten Waffe im Widerstand gegen die Gemeinheiten der Guerilla wird. Nach zwei gescheiterten Flucht- versuchen wird sie in Ketten gelegt und wiederholt von den anderen Gefangenen isoliert. 2007 gelangt ein erschütterndes Foto von ihr an die Öffentlichkeit, das zeigt sie bis auf die Knochen abgemagert, angekettet an einen Baumstamm, stumm, den Blick nach unten gerichtet. Die Farc wollten ein (geschöntes) Lebenszeichen senden, aber die ungeschminkte Wahrheit lässt sich nicht länger unterdrücken. Die Farc-Kommandanten sind üble Menschenschinder, moralisch verkommen und schon lange ohne eine politische Zielsetzung. Die Guerilla ist ein jämmerlicher Haufen, der ein Schreckensregiment im Dschungel ausübt. Die sechseinhalb Jahre sind ein scheinbar nicht enden wollendes Martyrium von Gewaltmärschen in Fesseln und Bootsfahrten im Dieselgestank, erlittenen Demütigungen durch die Peiniger und zermürbenden Zerwürfnissen unter den Mithäftlingen. Sie sind aber auch geprägt durch Verständnis und Mitgefühl für das Leiden der anderen und Auslöser für den wachsenden Glauben der Autorin. In der Dschungelhaft verblasst ihr politischer, nicht selten naiver und wenig erfolgreicher Aktionismus der frühen Jahre. Das Buch lässt sich auch als die Abkehr von der klassischen Politik werten. Die politischen Ränkespiele hat Betancourt weder gemocht noch beherrscht, aber in Kolumbien muss man an ihnen vermutlich noch mehr als anderorts teilnehmen, um die Macht zu erlangen. Politik spielt in diesem Buch nur am Rande eine Rolle. Im Mittelpunkt steht der ungebrochene Freiheitswille und das Ringen um den Erhalt der eigenen Identität in der Gefangenschaft. Wenn die Autorin ihre Fluchtversuche schildert, die beinahe zum Erfolg geführt hätten, dann erlebt der Leser dies besonders intensiv mit. Dann stimmt sie eine Hymne auf die Erlangung der Freiheit durch die Flucht an, die das Leben selbst meint, da ist Betancourt ganz nah bei Henri Charriére (“Papillon”) mit seinen wilden Fluchtgedanken aus dem Dschungelknast von Französisch-Guayana. Aber es gibt noch eine andere Ingrid Betancourt, die Spirituelle, die sich in das Studium der Bibel vergräbt, die den Rosenkranz betet, die mit Gott und der Familie Zwiesprache hält, mal in Gedanken oder über das Radio, das einzige Medium zur Außenwelt in diesem Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.

Das kolumbianische Amazonasgebiet ist vermutlich der einsamste Ort der Welt, abgeschnitten von der Außenwelt, isoliert vom Zeitenlauf und daher oft Schauplatz und zugleich Sinnbild in der kolumbianischen Literatur, ob in La Vorágine von José Eustasio Rivera oder den Maqroll-Romanen von Álvaro Mutis. Aber bei Betancourt hat der Dschungel so gut wie jeden Zauber verloren, ihn umgibt nichts Erhabenes oder gar Feierliches, ob real oder erträumt. Zwar tauchen gelegentlich Anacondas und Kaimane aus dem Wasser auf, aber im Angesicht der Schrecknisse und Verletzungen, die sich die Menschen einander zufügen, sorgen die wilden Tiere allenfalls für Lokalkolorit. Dort, wo die Farc-Guerilla ist, ist die Natur ein ebenso geschundener Körper wie der der Gefangenen, eine gemarterte Welt aus verlausten Matratzen und stinkenden Latrinen, die wie die Kleidung am eigenen Leibe in Fetzen hängt.

Als der Helikopter sie schließlich in die Freiheit trägt, hat Ingrid Betancourt ihre geistige Freiheit schon erkämpft. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit unerschütterlichem Engagement und hoher moralischer Integrität, echt und überzeugend.

© Frank Semper, 2010


SEBRA-Buchtipp

Brief an einen Schatten
Ein bewegender Einblick in das Drama Kolumbiens

von Héctor Abad
194 Seiten
gebundene Ausgabe, 2009
Berenberg Verlag, Berlin

ISBN-10: 3937834281
EUR 24,00



Der Vater des Schriftstellers Héctor Abad wurde am 25.August 1987 mutmaßlich von einem paramilitärischen Killerkommando in Medellín auf offener Straße erschossen, zu einer Zeit, als die Stadt von einer Welle der Gewalt, einer schlimmen Hexenjagd auf Linke, Gewerkschafter und kritische Intellektuelle heimgesucht wurde. Erst zwanzig Jahre nach dem gewaltsamen Tod sah sich der Autor in der Lage, dem geliebten Vater ein literarisches Denkmal zu setzen und zeichnet das Portrait eines aufrechten und sensiblen Menschen, der öffentlich gegen die im Land verübten Menschenrechtsverletzungen Stellung bezieht und sein Engagement mit dem Leben bezahlt.

Abad gewährt uns einen persönlich bewegenden Einblick in das Drama Kolumbiens am Beispiel der eigenen Familiengeschichte. Dabei ist sein Buch mehr als eine ergreifende Vater-Sohn Beziehungsgeschichte, es ist zugleich ein beachtenswertes Stück Literatur zum tieferen Verständnis des verzehrenden kolumbianischen Konflikts und der zerstörerischen Wirkung eines untätigen Staates, der weder seine Kräfte wirkungsvoll einsetzt, um seine Bürger angemessen vor ideologisch motivierter oder schlichtweg krimineller Gewalt zu schützen, noch in der Lage ist, die Täter einer gerechten Bestrafung zuzuführen.
Héctor Abad (geb. 1958 in Medellín) zählt noch zur jüngeren Generation kolumbianischer Schriftsteller, die nach dem gewaltigen und mit den Jahren kaum geringer gewordenen Einfluss den Gabriel García Márquez auf der Weltbühne der Literatur nach wie vor ausübt, eine Erzählweise jenseits des magischen Realismus suchen, ohne der Übermacht des Literaturnobelpreis- trägers je ganz entkommen zu können, wobei bisweilen nur schwer festzustellen ist, ob es dem starken Sog der von Gabriel García Márquez entworfenen literarischen Kompositionen in Bezug auf Themen und Personen oder den widersprüchlichen Zuständen Kolumbiens zuzuschreiben ist, dass die besten Autoren des Landes, und dazu zählt Héctor Abad ohne Frage, ähnliche Themen intensiv bearbeiten.

In diesem ungeschminkt autobiografischen Bericht prallt eine vielfältig verästelte Familiengeschichte, deren Beziehungen von Wärme und Geborgenheit geprägt sind, beinahe ungebremst auf die gewalttätige Außenwelt des Landes, die die Idylle zum Einsturz bringt. Umgeben von vier Schwestern wächst der Autor als einziger Junge in einer Familie der intellektuellen Mittelschicht im Stadtteil Laureles in Medellín auf. Der Vater ist Mediziner und jahrzehntelang als Professor an der Universität von Antioquia beschäftigt, ein sozialengagierter Forscher und erklärter Freigeist, nach Einschätzung des Sohnes gänzlich unpraktisch veranlagt, was handwerkliche Fertigkeiten betrifft. Die Mutter baut in wenigen Jahren ein erfolgreiches Hausverwaltungsbüro auf. Beide Elternteile stammen aus ganz unterschiedlich geprägten Familien. Der Vater aus einem liberal und agnostisch gesinnten Elternhaus, die Familie der Mutter hingegen ist streng katholisch, und einige ihre Brüder schlagen die Priesterlaufbahn ein. Während in der kolumbianischen Politik des 20. Jahrhunderts diese beiden konträren Denkweisen in die Katastrophe der Violencia von 1948 einmünden, bereichern sie das Leben des jungen Héctor Abad, der sich gleichermaßen von religiöser Inbrunst wie philosophischer Vernunft angezogen fühlt und mit beiden Elementen auf spielerische Weise umzugehen versteht. Abad wächst in einem intellektuell offenen, vielfältigen und sinnenfrohen Klima auf. Er verlebt eine glückliche und unbeschwerte Kindheit und Jugend.

Am Rande sei erwähnt, dass zwei führende Politiker, die heute die Geschicke des Landes bestimmen und dabei ganz unterschiedliche Ziele verfolgen, in jenen Jahren auch die Wege der Familie Abad kreuzen. Carlos Gaviria, augenblicklich der Vorsitzende des Polo Democrático Alternativo, der bedeutendsten Oppositionspartei im Land, wurde im selben Ort wie der ermordete Héctor Abad Gomez geboren und war ein politischer Weggefährte, dessen Integrität und Loyalität der Autor wiederholt erwähnt. Präsident Àlvaro Uribe hingegen soll schon in jungen Jahren ein gewiefter Taktiker gewesen sein, und nachdem er von der Schwester des Erzählers abgewiesen wurde, sein geliebtes Reitpferd nach ihr benannt haben, wie Abad nicht ohne einen bitteren Nachgeschmack zu hinterlassen, vermerkt.

Die ersten Kapitel des Buches werden aus dem nur vordergründig naiven Blick des Kindes geschildert. Mit dem Heranwachsen gewinnt auch die Stimme des Icherzählers an Nachdenklichkeit und Tiefgang. Der gemütliche Plauderton der ersten Seiten verflüchtigt sich rasch. Mit dem Älterwerden wird das Bewußtsein um die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des trauten Familienglücks stets deutlicher und erhöht die Spannung der Lektüre. Wie will man im trauten Familienkreise unbeschwert glücklich sein, wenn draußen Elend und Ungerechtigkeit herrschen? Das bevorstehende Unheil bricht jedoch zunächst nicht durch die Außenwelt im Hause Abad ein, sondern bemächtigt sich in Form einer tödlich verlaufenden Krebserkrankung der jungen Marta. Und vom Krebstod der Schwester 1972 leitet der Erzähler zur Ermordung des Vaters fünfzehn Jahre später über. Der frühe Tod der Tochter verstärkt das politische und soziale Engagement des Vaters, der sich dadurch der Gefahr aussetzt, von den Herrschenden aus dem Weg geräumt zu werden. „Aber wenn die Lebensfreude dahin ist, wird die Option, sich für eine gerechte Sache töten zu lassen, attraktiver,“ versucht der Sohn eine Erklärung für den Gemütszustand des Vaters nach dem Tod der Tochter zu geben.

Héctor Abad Gomez wird ermordet, als er als liberaler Kandidat für das Bürgermeisteramt von Medellín kandidiert. Noch kurz vor dem Attentat warnt ihn ein Journalist, und lässt ihm die Liste mit den Todeskandidaten zukommen, die von den paramilitärischen Banden als Sympathisanten der Linksguerrilla und Kommunisten auserkoren wurden, um sie bei Gelegenheit zu beseitigen.
Der Genannte erschrickt nicht, zieht nicht etwa die Kandidatur für das angestrebte Amt zurück, flieht nicht ins Exil, sondern steckt die Liste in die Tasche, fühlt sich in seinem Tun bestärkt, sogar von Stolz erfüllt, und macht sich auf, an der Trauerfeier für einen gerade erst ermordeten Freund zu sprechen, als ihn nun ebenfalls die Schüsse aus der Waffe gedungener Mörder niederstrecken.

Es gehört zum Drama Kolumbiens, dass Morddrohungen öffentlich bekundet und unter den Augen der Gemeinschaft scheinbar ungestört vollstreckt werden können, ein unerhörter Vorgang, der einem kollektiv verkündeten Todesurteil gleichkommt. Gabriel García Márquez hat den verhängnisvollen, ausgerechnet dem Opfer verborgen bleibenden Mechanismus der vielfachen Mitwisserschaft, die dem unaufhaltsamen Geschehen bis zum Mord einen bestimmenden Rahmen setzt, in der Chronik eines angekündigten Todes minutiös beschrieben.

Die Untersuchung des Mordes an Héctor Abad Gomez verläuft im Sande, aber einige Zeit später brüstet sich der Anführer der paramilitärischen Verbände AUC Carlos Castaño öffentlich der Ermordung der Menschenrechtsaktivisten in Medellín.

Die Namen von Vater und Sohn unterscheiden sich nur durch den zweiten Nachnamen, so dass in der Person des Autors nach der Ermordung des Vaters das Bewußtsein der eigenen Lebensbedrohung in gesteigerter Form überfällt und ihn zwingt das Land zu verlassen, um über viele Jahre im Ausland zu leben.
Héctor Abads Geschichte ist keine Parabel, der Autor ist persönlich betroffen und das macht die Stärke seiner Prosa aus. Wenn das Charakteristikum großer Literatur ihre Mehrdeutigkeit und Ambivalenz darstellt, trifft das auf die literarischen Beschreibungen von Gabriel García Márquez fast immer zu. Der Literaturnobelpreisträger entzieht sich in seinen Werken (anders als in seinen raren öffentlichen Meinungsäußerungen) eindeutigen Zuschreibungen und erst recht der Parteinahme für die eine oder andere Seite.

Die persönliche Geschichte Abads hingegen gipfelt in der Anklage gegen die Schuldigen des Verbrechens, die durch die Paramilitärs beauftragten Killer, die sich wiederum der Rückendeckung durch Teile des staatlichen Militär- und Geheimdienstapparates sicher sein können. Es ist an der Zeit, dass die Schuldigen beim Namen genannt werden, denn nur so kann das Land den Teufelskreis aus fortgesetztem Morden und nachfolgender Straflosigkeit durchbrechen. Gerade aber weil der Autor die persönliche Wut und Verzweiflung überwunden hat, gerät er nicht in propagandistisches Fahrwasser. Auch das ist ein Verdienst dieser Geschichte mit der Héctor Abad seinen Vater dem Vergessen entrissen und dabei ein kleines Meisterwerk geschaffen hat.

© Frank Semper, 2009

SEBRA-Buchtipp

Héctor Abad - Brief an einen Schatten