Bolivien, im Juni 2009
Beitrag verfasst am 22.06.2009, 22:17 Uhr

Nach einigen Jahren endlich mal wieder längere Zeit in Bolivien unterwegs, dieses verwinkelte Land ohne Meerzugang aber den unendlichen Höhen über 4000 Meter Meeresspiegel. Auf die Eiseskälte muss man sich auch gedanklich erst einmal wieder einstellen, das fällt ein wenig einfacher, wenn man bereits aus einem anderen südamerikanischen Land kommt. Ich lande mit der Taca-Maschine aus Lima kommend nach Mitternacht auf dem höchstgelegenen kommerziellen Flughafen der Welt in El Alto.
Im Gepäck habe ich ein aktuelles Buch zum politischen Bolivien der 1960er-80er Jahre und zugleich eine tragische Familiengeschichte "Die Geschichte der Monika Ertl - sie starb wie Che Guevara", vor kurzem bei Artemis & Winkler erschienen, Autor ist der bekannte Journalist Jürgen Schreiber. Schreibers Buch enthält allerhand Wissenswertes zur aufgeladenen politischen Stimmung jener Zeit sowohl in Lateinamerika als auch in Europa, und es war zuallererst dieses revolutionäre Gemisch, das damals den Fokus auf das Andenland richtete. Schreiber, und so preist ihn sein Verlag auch an, gehört zu den besten investigativen Journalisten in Deutschland und er hat bereits das Leben einiger sehr interessanter Persönlichkeiten der Zeitgeschichte recherchiert und provokant thematisiert, zuletzt Joschka Fischer und dessen schillernde Apo-Vergangenheit. Und auch das Schicksal Monika Ertls ist mit der Anfangszeit der (bundesdeutschen) Studentenbewegung auf sonderbare Art und Weise verknüpft, allerdings ist die Ausgangslage für Schreiber diesmal deutlich schwieriger und der Stoff nicht so leicht in den Griff zu bekommen.
Monika Ertl, die Hauptfigur des Berichts, ist und bleibt eine rätselhafte Frau, die Tochter des einstigen Kameramanns von Leni Riefenstahl Hans Ertl ist in Bolivien erwachsen geworden. Ihr Lebensweg führte zum Bruch mit dem Vater, wenn auch auf eine viel radikalere und schließlich endgültige Weise, als bei nicht wenigen ihrer Generation (weit mehr in Europa als in Lateinamerika). Wer aber war diese Monika Ertl wirklich, die beim Eintritt in die Guerrillabewegung ELN, den beinahe zärtlichen Kampfnamen "Imilla" ("Indianermädchen") annahm? - eine einsame und emotionale Kämpferin, romantisch veranlagt, die die Ermordung Che Guevaras zur Guerrilla werden ließ, und die schließlich nach der Ermordung von Ches Nachfolger Inti Peredo zum Racheengel werden sollte und den bolivianischen Generalkonsul und einstigen Geheimdienstmann Quintanilla Pereira am 1. April 1971 in Hamburg mit einer kleinkalibrigen Waffe zur Strecke brachte. Die Tat konnte nie restlos aufgeklärt werden, und so geistern eine ganze Reihe von Hintermännern und Helfershelfern durch die Szene, darunter so bekannte Namen wie der italienische Verleger Feltrinelli, der sich später versehentlich bei der Durchführung eines Sprengstoffattentats in Stücke riss und die Waffe besorgt haben soll, sowie der nicht ganz so bekannte dänische Reporter Jan Stage, der Schmiere gestanden haben soll. Wenn es darum geht (ehemalige) Linke und (abtrünnige) WG-Genossen genüßlich in die Pfanne zu hauen, ist Schreiber unübertroffen, aber das lenkt ihn diesmal leider auch von seiner Hauptfigur ab, er kommt auf zu viele Nebengeleise und der flappsige Ton zumal im Mittelteil des Buches, den der Autor nicht immer unterdrücken kann, ist dem Bericht nicht ganz angemessen - meine Güte, das ist hier ist eine Tragödie, die sich um den egozentrischen Vater entspinnt, wie Schreiber ganz richtig und wiederum sehr ernst darstellt. Schreiber müht sich redlich und hin und wieder sogar sehr einfühlsam durch dieses verwickelte Leben der Monika Ertl. Die verhängnisvolle Verstrickung von Vater- und Tochterbiografie gelingt gut in der Darstellung. Dann allerdings legen sich in teilweise ermüdender Form immer wieder retardierende Erzählstränge und -passagen um die Tat, die den Namen Monika Ertls für eine geraume Zeit und nicht nur in der Szene bekannt gemacht haben. Am eindrücklichsten gelingt die Geschichte in den letzten Buchkapiteln. Hier findet der "harte Reporter" so etwas wie persönliche, menschliche Worte der Anteilnahme angesichts der zugrundeliegenen Familientragödie. Schreiber ist ein alter Hase im Geschäft, der weiß was er kann und was nicht gelingt. Auf S. 227 "Problematisches" betitelt, bekennt der Autor der einmaligen Figurenanordnung nicht widerstehen zu können und in "The End" (S. 285) wird ihm die literarische Dimension des Stoffes bewußt, "in Monikas ungeheuerlichen Verwicklungsgeschichte steckt der große lateinamerikanische Roman" mutmaßt er.

"La Paz im Mai kann sehr kalt sein", schreibt Schreiber, stimmt, klar und eisig sind die Nächte auch jetzt aber sonnig und wolkenlos am Tag, eine Klarheit, die alles andere überlagert. Habe mich im El Rosario Hotel einquartiert, zentrale Lage in der Calle Illampu, nicht weit von der zentralen Calle Ságarnaga, die von der Iglesia San Francísco steil hinaufführt, mit den kleinen Cafés, den vielen Agenturen und Indianermarktständen, ein Zimmer zum Innenhof, nicht gerade riesig, aber der Heizkörper auf Rollen strahlt ausreichend Wärme ab. Das Personal ist routiniert und freundlich, an der Rezeption wird besser Englisch gesprochen als die meisten Gäste Spanisch verstehen. Das Frühstück ist reichhaltig. Tagsüber ist die Sicht trotz des chaotischen Straßenverkehrs so gut, dass der Illimani stets in Reichweite ist.
Ideales Ausflugswetter und die Zeit endlich einmal die "Ruta de la Muerte" ("Death Road") mit dem Mountainbike von La Cumbre auf 4.700 Meter (außer- und oberhalb von La Paz) hinunterzufahren in die feucht-tropischen Yungas ...

F.S.

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Das Reisetagebuch ist aufgeschlagen ...
Beitrag verfasst am 04.06.2009, 21:52 Uhr

An dieser Stelle versorgen wir Sie während unserer Studienreisen mit tagesaktuellen Neuigkeiten.

Viel Spaß beim Lesen!

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