20 Jahre Kolumbien - unbekannt vertrautes Land

Vor 20 Jahren ging es zum ersten Mal nach Kolumbien. Am späten Nachmittag des 5. September 1993 passierten wir die grüne Grenze von Tabatinga nach Leticia. Es war eine Annäherung durch die Hintertür, eher zufällig, und beherrscht von dem Gedanken, nun (und am besten unauffällig) das gefährlichste Land Südamerikas zu betreten.

Es waren diffuse Gedanken von Gefahren aller Art, von denen gerüchteweise schon so viel auf unserer vorausgehenden Reise durch Südamerika die Rede war, aber niemand von denen, mit denen wir gesprochen hatten, war je einmal in Kolumbien gewesen. Zu Beginn der 1990er Jahre zeichnete sich nach dem Ende der Militärdiktaturen auf dem Kontinent der noch frische 'Gringotrail' ab, der durch Argentinien, die chilenische Küste entlang, von dort weiter nach La Paz und schließlich nach Cuzco in Peru führte. Anschließend ging es dann noch nach Ecuador und von dort (oder über Venezuela, wenn man ein Rückticket der längst verschwundenen Viasa in der Tasche hatte) wieder nach Hause. Nach Kolumbien fuhr man nicht, es sei denn, man galt als lebensmüde, verrückt oder Schlimmeres.
In Leticia herrschte ausgelassene Stimmung. Wir hatten, dem Fußballgott sei Dank, für den Tag unserer Einreise just den Tag der legendären 'Goleada' (Torflut) erwischt. Kolumbien hatte Argentinien in Buenos Aires in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft mit 5:0 hinweggefegt. Leticia und der Trapecio Colombiano, der kuriose Landstreifen mit dem Amazonaszugang, entpuppte sich als herrlicher Flecken inmitten des Dschungels. Und zur Lebensfreude und entspannten Gelassenheit der Menschen hinzu, gesellten sich charmante Besonderheiten, ein gemütlicher Markt am Ufer, das eindrucksvolle Museo del Hombre Amazonico, bestehend aus einer Sammlung von Exponaten der Huitoto, Ticuna und Yucuna, die von Kapuzinermönchen in über 50 Jahren zusammengetragen worden war. Eine erste kleine Amazonasschnuppertour auf eigene Faust - wie sie in Brasilien nicht glücken wollte – schloss sich an und führte uns an den Río Calderón. Später entwickelten sich aus diesem Erstkontakt Expeditionen entlang der Ruta del Humboldt (Orinoco, Rio Negro), der Ruta del Martius (Río Caquetá), in den Chocó und den Darién.

Die Autoren in einer DC 3 Transportmaschine über dem kolumbianischen Amazonasgebiet

Doch zunächst einmal ging es mit einem Flug am Spätnachmittag nach Bogotá durch ein nicht enden wollendes Tropengewitter. Das Bogotá von damals hat mit der heutigen Hauptstadt nur noch wenig gemein. Die Straßen waren noch voll von amerikanischen Straßenkreuzern aus den 50- und 60ziger Jahren und vieler Pferdekarren. Der Altstadtbezirk La Candelaria wirkte verwahrlost und ohne ein sichtbares Kennzeichen von Modernität. Die Nächte waren düster, kalt und menschenleer und endeten erst im Morgengrauen, wenn das Quietschen der Hydraulik der kleinen Dogdebusse in den engen Gassen die Stille der Nacht zerriss, ein fremdartiges, mechanisches Geräusch, das durch die dünnen Wände der flachen Kolonialhäuser mit ihren Innenhöfen drang und einem durch Mark und Bein fuhr. Und trotzdem war die Candelaria ein attraktiver Ort, wild und ungeschminkt, mit einer Atmosphäre wie vor hundert Jahren und mit kurzen Wegen zur Plaza Bolívar, zu den wichtigsten Museen, interessanten Buchläden wie die Libería Lerner in der Av. Jiménez, der Biblioteca Luis Ángel Arango, eine der besten Bibliotheken Lateinamerikas. Lediglich die Gastronomie ließ noch zu wünschen übrig, aber das war damals nicht so wichtig. Soeben hatte das 'Platypus' eröffnet, das erste Guesthouse seiner Art, zumindest in Bogotá, vermutlich in ganz Kolumbien. Germán Escobar, der unser Freund wurde, ein Traveller wie wir, hatte den mutigen Entschluss gefasst, ein Hotel für die internationale Reiseszene zu eröffnen, die noch nicht eingetroffen war. Daher wollte auch niemand sonst investieren und schon gar nicht in der Candelaria. Wir waren die ersten, die bei ihm einzogen.

Erinnerungskultur, Erinnerungsorte

Mit dem abgestreiften Negativimage, mit dem Ende des Terrors der Drogenkartelle, der das Land in den 1980er und 1990er Jahren beherrschte und dem Beginn ernsthafter und konzentrierter Friedensgespräche, die der Staat nunmehr aus einer Position der Stärke mit der größten noch verbliebenen Guerillaorganisation führt, hat sich ein gesellschaftlicher Raum für den selbstbewussten Umgang mit der eigenen Geschichte, auch wenn diese negativ oder sogar traumatisch besetzt ist, eröffnet. Kolumbien hat sich lange schwer damit getan, der eigenen Erinnerungskultur einen öffentlichen Platz zuzugestehen. Die Scheu vor den negativen Seiten der Vergangenheit ist gewichen und lässt Erinnerungsorte entstehen, ob vor Ort, wo in Medellín gerade das Museo Casa de la Memoria entsteht, zum Gedenken an die vielen Gewaltopfer aus Violencia und Drogenkrieg oder im Internet unter www.centrodememoriahistorica.gov.co. Der Drogenkrieg ist in Kolumbien weitgehend Geschichte (bzw. in einige abgelegene Randregionen abgedrängt worden), das zeigt auch der Umgang mit der Figur des bekanntesten und brutalsten aller Drogenmafiosis, Pablo Escobar, dessen schillernde und blutbefleckte Existenz inzwischen in Telenovelas verarbeitet wird. Man muss der verkitschten Kommerzialisierung eines Gewaltverbrechers nichts abgewinnen. Dennoch oder gerade deshalb ist sein einstiges Hauptquartier, die Hacienda Los Nápoles, an der Straße zwischen Medellín und Bogotá gelegen (Nah Dran Kolumbien, S. 374), einen Besuch wert. Die Hacienda ist in einen Freizeitpark verwandelt worden und ein beliebtes Ausflugsziel am Wochenende für Jung und Alt und, wie wir finden, ein gelungenes Projekt, den exotischen Tierbestand der Öffentlichkeit zu präsentieren, ohne die Erinnerung an die verfluchte Vergangenheit des Ortes zu verdrängen.

Bei Dinos und Hipos im Themenpark der Hacienda Nápoles

(Fast) alle Wege stehen offen

Zwanzig Jahre später stehen (fast) alle Reisewege in Kolumbien offen. Die verbesserte Sicherheitslage, die gewachsene institutionelle Präsenz in den Randregionen und der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur haben neue Routen eröffnet und neue Reiseziele entstehen lassen. Bogotá hat sich zu einer weltoffenen Stadt entwickelt und das grüne und gebirgige Hinterland, lange Jahre aus Sicherheitsgründen nur schwer zugänglich, hat einiges zu bieten. Empfehlen möchten wir einen Besuch in Choachí, in der Sprache der Chibcha „das Fenster zum Mond“ und 55 Kilometer östlich der Hauptstadt gelegen (ND Kolumbien, S. 138). Auch die Großstädte Medellín und Manizales haben einige ihrer nativen Waldflächen, von denen sie umgeben sind, jetzt leichter zugänglich gemacht. Bei einem Besuch Medellíns sollte man es nicht versäumen, den Parque Arví an den östlichen Hängen des Aburrá-Tales zu besuchen. Bereits die An- und Abreise mit dem 4,6 Kilometer langen Metrocable sind ein Erlebnis (ND Kolumbien, S. 349). Noch stärker als Medellín ist die über mehrere Bergkuppen und Plateaus waghalsig angelegte Großstadt Manizales dem andinen Bergwald abgetrotzt worden. Das Recinto del Pensamiento (ND Kolumbien, S. 381) beherbergt ein 190 Hektar großes Areal, bestehend aus Orchideengarten, Schmetterlingshaus und Beobachtungsstation für die vielen Kolibriarten, die vor Ort und Stelle registriert werden.

Manizales, Kolonistendenkmal auf der Anhöhe im Barrio Chipre.
An klaren Tagen ist auch der aktive Vulkan Nevado del Ruiz zu sehen

Und wenn ausnahmsweise einmal der Himmel über Manizales so blau ist wie bei unserem letzten Besuch, dann führt der erste Weg nach der Ankunft zum Monumento a los Colonisadores (ND Kolumbien, S. 379) im Barrio Chipre mit einem grandiosen Rundumblick in alle vier Himmelsrichtungen. Im Westen liegen die tiefer gelegenen Regionen von Risaralda und dem Chocó, im Osten erhebt sich der aktive Nevado del Ruiz. An den Laderas del Chipre soll auch der Wappenvogel der Stadt, der Barranquillo (momotus aecuatorialis) beheimatet sein. Wir trafen ein Exemplar dieses hübschen Vogels mit dem olivgrünen Gefieder und der blauen Haube erst einige Tage später in Salento mit einem Falter im Schnabel auf dem Weg zum Aussichtspunkt Alto de la Cruz (ND Kolumbien, S. 393).

Barranquillo in Salento

Die nächste Reise wird uns erneut und wieder zurück ins kolumbianische Amazonasgebiet führen, dieser kleine, große grüne Fleck, weit weg von den Zentren der Welt, wild und frei, noch unberührt und in seinem Rhythmus so fern von unserem Alltagsdenken. Der kolumbianische Schriftsteller und Journalist Héctor Abad, der die Wälder am Vaupés vor kurzem besucht hat, hat, erstaunt über den guten Zustand des Regenwaldes, eine interessante Erklärung geliefert, demnach sich die verheerendsten Flüche Kolumbiens an diesem Ort als Wohltaten erwiesen haben: 'Guerilla' und 'Korruption'. Aus Angst vor Zwangsrekrutierung, Angriffen und Entführungen hätten es die Kolonisten unterlassen, in die Wälder vorzudringen und sie fast intakt gelassen. Und dank der Korruption der lokalen Verwaltungen seien niemals Straßen und Wege gebaut worden, um den Dschungel an das übrige Land anzuschließen. Ein Paradoxon?

Wer diese Wohltaten nicht spürt und dankend entgegennimmt, der hat keinen Sinn für die Besonderheiten der Welt, für die Einzigartigkeit der Menschen und Landschaften Kolumbiens.