Bolivien - Ein Vortrag von Frank Semper

gehalten am 01.09.2000 im Ibero-Amerika-Haus in Hamburg,
veranstaltet durch das bolivianische Honorargeneral-Konsulat in Hamburg
in Zusammenarbeit mit der Handelskammer Hamburg und dem Ibero-Amerika-Verein


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Bolivienfreunde,

Bei jedem Land in Lateinamerika, das ich ausgiebig bereise, stelle ich mir die Frage nach dem Besonderen gerade dieses Landes, ich frage mich, inwieweit unterscheidet sich das Land von den anderen Ländern der Hemisphäre - vor allem von seinen Nachbarstaaten. Dabei folge ich der persön- lichen Sicht des Reisenden, und meine Beobachtungen bilden auch die Grundlage des heutigen Vortrags.

Aus Bolivien dringen nur wenige Nachrichten zu uns nach Deutschland. Das ist als positiver Beleg für geordnete demokratische Verhältnisse und die Abwesenheit schwerer Menschenrechtsverletzungen zu werten, andererseits ist die mediale Unterversorgung aber vor allem ein Zeichen dafür, welch geringe Bedeutung Bolivien im Ausland zugebilligt wird.

Die Zeiten spektakulärer Meldungen sind tatsächlich vorbei, aber mit ihnen sind auch die Hyperinflation, die Militärputsche und die Massendemonstrationen verschwunden und selbst die Drogenwirtschaft hat an Bedeutung eingebüßt - aber Bolivien ist das geheimnisvolle Land im Herzen des Kontinents geblieben.

Ich möchte Ihnen nun einen kleinen Einblick in die Besonderheiten Boliviens vermitteln und dabei die Geographie, Geschichte und Gegenwart Boliviens ansprechen. Auch von der Rolle deutscher Immi- granten wird die Rede sein.

Geographie
Bekanntermaßen ist Bolivien ein Andenland. Daß ein großer Teil auch zum Amazonasgebiet zählt, wissen Sie alle, die hier im Saal versammelt sind. Es gibt auch einige Naturräume, die sich nicht so ohne weiteres der einen oder anderen Klassifikation zuordnen lassen wie die Yungas östlich von La Paz, die Valles bei Cochabamba und der bolivianische Chaco, eine über lange Perioden des Jahres trockene Savannenlandschaft.

Der Kontrast Anden-Amazonas macht sicherlich den geographischen und kulturellen Reiz des ganzen südamerikanischen Kontinentes aus, und man findet ihn daher auch in den anderen der sogenannten Andenstaaten. Auch in Kolumbien, in Ecuador und in Peru gibt es aufregende Bergabstiege (bzw. Aufstiege) vom Hochland ins tropische Tiefland, aber in Bolivien ist dieser Kontrast greifbarer, offen- sichtlicher und auch einfacher zu erleben, schon deshalb weil jeder Besucher Boliviens einmal von
La Paz nach Coroico in die Yungas fährt, eine aufregende Wegstrecke, die sich auf 98 Kilometern um 3500 Höhenmeter hinunterschraubt - und nur einige Autostunden weiter entfernt beginnt mit Rurrenabaque am Oberlauf des Río Beni wirklich das Amazonasgebiet.

La Paz ist die höchstgelegene Hauptstadt der Welt mit Blick auf den wuchtigen Illimani und zugleich die südamerikanische Hauptstadt, die dem Amazonasbecken am nächsten liegt. Und doch beginnen die Bolivianer des Altiplano ihr Amazonasgebiet erst langsam wahrzunehmen.

Geschichte
Genauso aufregend wie die Geographie ist die Geschichte Boliviens - die indianische ebenso wie die staatlich-offizielle seit den Zeiten der spanischen Eroberer, und man stellt sich die Frage, was das eine wie das andere Element dieser Geschichte ausmacht, in einem Land in dem indianisches und westlich geprägtes Leben parallel zu einander existieren und doch auf eine wundersame Weise miteinander verknüpft sind. Wenn man durch Bolivien reist, begleitet einen aber nicht nur das Gefühl in dieser Parallelgeschichte, sondern zugleich in ganz unterschiedlichen Geschichtsepochen unterwegs zu sein.

Auf der Isla del Sol im Titikakasee fühlt man sich den Inka nahe. Der Schöpfergott Viracocha soll an dieser Stelle - so will es die Sage, Sonne, Mond und schließlich die Menschen geschaffen haben. Manko Kapak, der erste Inka soll von der Sonneninsel aufgebrochen sein, um dann in Cuzco den Grundstein für ein Weltreich zu legen.

Im kolonialgeprägten Potosi - im 17. Jahrhundert die reichste Stadt der Welt - ist die Plackerei der Minenarbeiter, die noch immer den Cerro Rico, diesen magischen Berg voller Edelmetall, umpflügen, heute noch genauso lebendig wie zu Zeiten des Vizekönigs Toledo, auch wenn die Mita, das koloniale Zwangsarbeitssystem schon lange abgeschafft ist. Und der Glanz der Kirchen ist noch immer lebendig, die Klöster sind gefüllt mit Kunstschätzen. In der Casa Real de La Moneda und in der Kirche San Francisco macht man die Bekanntschaft mit Melchor Perez Holguín, dem bedeutensten Vertreter des Mestizenbarock in Lateinamerika, ein Kunststil, der die barocken Vorbilder Europas des 16. Jahr- hunderts mit dem opulenten Naturreichtum der Neuen Welt verband. Holguins Gemälde hängen auch in La Paz, Sucre und Cochabamba, aber in der rauhen und klaren Höhenluft von Potosi kann man die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Künstlers am besten erahnen.

In Llallagua, der einst bekanntesten Zinnmine der Welt, ist der Niedergang der COMIBOL, der noch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts stärksten Gewerkschaft Südamerikas mit Händen zu greifen, die Siedlungen der mineros verfallen, die Förderanlagen verrosten. Llallagua ist heute eine Industrieruine, ein wenig erinnert es an das aufgegebene Eisenhüttenwerk in Völklingen und doch ist es ganz anders, denn in Lateinamerika wird nichts endgültig aufgegeben. Der Reichtum, den die Zinnbarone Patiño, Arramayo und Hochschild anhäufen konnten, gehört der Vergangenheit an, aber die mineros arbeiten heute in ihren kleinen Kooperativen weiter.

In der Chiquitania, dem bolivianischen Osten, glaubt man sich in die Zeit der Jesuitenmissionen zurückversetzt, wenn man in der ausgeschmückten Kirche von Concepción eine Messe mit Bischof Bösl - dem in Franken geborenen Franziskaner - erlebt, während zugleich ein Tropengewitter niedergeht und der Regen auf die dürren Schindeln prasselt.

Und in Vallegrande und La Higuera begreift man das absurde Unterfangen Ché Guevaras, an diesem so abgeschiedenen Ort die Weltrevolution anzetteln zu wollen, und wo er 1967 erschossen wurde - der "Heilige Ché", wie ihn das bolivianische Volk in religiöser Überhöhung einige Zeit später nannte, weil die letzten Tage und Wochen des "Befreiungskampfes" wie der Leidensweg eines Heiligen anmuteten, das verklärte Antlitz des Toten mit den Locken, der Bart, der nachte Oberkörper auf den Fotos, die im Waschhaus der Dorfklinik von Vallegrande gemacht wurden und um die Welt gingen, das rätselhafte Verschwinden der Leiche und ihr wundersames Auftauchen fast 30 Jahre später unter der Flugpiste nur einige Hundert Meter entfernt. Die letzte Mission Ché Guevaras fügt sich in ihrer Dramaturgie nahtlos in die Geschichte des indianischen Ahnenkultes ein, wie ihn die Chipaya, die ältesten Bewohner des Altiplano pflegen, wenn sie ihre toten Vorfahern zu Todos los Santos (Allerheiligen ) aus den Beerdi- gungstürmen, den Chulpas, holen und die Schädel mit Lamablut besprenkeln, es paßt zur religiösen Märtyrerverehrung, den die Missionare predigten und deren Spuren überall im Lande zu finden sind, und es erinnert an die Asketen die Holguin malte, mit ihren vorstehenden Wangenknochen und den aufgerissenen Augen.

Die Abgeschiedenheit ist ein Grundelement Boliviens, der man überall begegnet. Man findet sie in den Bergen und Wäldern, den Seen und Flüssen, sie hat sich hinter den Kirchen- und Klostermauern der vielen Missionsorden in Potosi, Sucre, Tarija, in Copacabana am Titikakasee und selbst an einigen Ecken von La Paz eingenistet. Das ganze Land wird von einer erstaunlichen, geradezu kontemplativen Ruhe überlagert, keine unterdrückte Friedhofsruhe, sondern ein den alltäglichen Zeitablauf bestimmen- der Rhythmus. Auch Regionen, die vormals von den Minen oder der Eisenbahn lebten wie Llallagua und Uyuni hat diese Abgeschiedenheit wieder ereilt, die zu den Grundfesten des bolivianischen Lebens gehört, wie der kobaltblaue Himmel über den schneebedeckten Bergen, die Märkte, die energiegela- denen Tänze mit schweren Masken und Uniformen und die koloniale Architektur.

Während einer Reise durch Bolivien macht man die Erfahrung, daß sich das Land immerzu häutet. Es schlüpft aus einer Rolle in eine neue und doch scheint alles beim Alten zu bleiben. Die Traditionen sind fest verwurzelt. Bei allen Zeitsprüngen haftet dem Land etwas Ewiges an, das Bewohner und Besucher gleichermaßen in einen geradezu harmonischen Zustand versetzt. Die schneebedeckten Gipfel der Anden-Kordilleren und der Titikakasee vermitteln diese Zeitlosigkeit auf eine wundervolle Weise. Von Aufregungen und Aufgeregtheiten, die in den Nachbarländern die öffentliche Diskussion bestimmen, ist in Bolivien kaum etwas zu spüren, der geistig spirituelle Charakter des Landes überwiegt. Bolivien ist weder in den Sog aufrührerischer Umtriebe geraten, die seit einiger Zeit Paraguay in Form des verhin- derten Putschisten Generals Ovieto heimsuchen, wo bereits wieder Panzerwagen vor dem Präsidenten- palast auffahren - ein leider aus der Vergangenheit nur allzu bekanntes Bild südamerikanischer Staaten im Ausnahmezustand. Bolivien ist aber auch nicht in einen Prozeß tiefer und quälender Vergangen- heitsbewältigung verfallen, der Chile nach Pinochet in zwei unversöhnliche Lager gespalten hat.

Auffallend ist das ausgeprägte Solidaritätsgefühl der Menschen untereinander. Bolivien ist in vielen Bereichen noch eine Welt für sich. Es ist das einzige Land in Südamerika mit einer mehrheitlich indianischen Bevölkerung. Die Mehrzahl der Bolivianer sind Nachkommen der Inka und Aymara. Daraus resultieren die vielen liebenswerten und auch kuriosen Besonderheiten, die das bolivianische Leben ausmachen: Indianermärkte, Blasorchester die unentwegt den Foxtrott andino spielen, Karaokebars und Demonstrationsmärsche, die wie Pilgerfahrten veranstaltet werden - und sich über mehrere Wochen und Hunderte von Kilometern hinziehen können, und die Trancas - die Schlagbäume und Kontrollposten entlang der Überlandstraßen, an denen sich die Menschen treffen, um auf den Bus oder Lkw zu warten, oder einfach nur um den neuesten Tratsch auszutauschen, Maiskolben und saltenas zu essen oder Kokablätter zu kauen.

In Tarija, im Süden Boliviens, nicht weit von der argentinischen Grenze, befindet sich eine der schönsten Bibliotheken, die ich in Südamerika kennengelernt habe, inmitten der Stadt aber verborgen hinter den Außenmauern der Klosteranlage von San Francisco. Ich wurde vom Franziskanerpater Gerardo Maldini, einem gebürtigen Italiener durch die Bibliothek und das angrenzende Archiv geführt und konnte mir die wertvollen Bücher der Bibliothek in aller Ruhe anschauen, während er mir auf unserem Rundgang die Missionsgeschichte der Franziskaner in Bolivien erzählte. Unter den Büchern befanden sich die Baseler Ausgabe der Ilias von Homer aus dem Jahr 1501, eine Bibel mit Kommentierungen des Erasmus von Rotterdam, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Antwerpen gedruckt worden war. Zu sehen waren auch die ersten amerikanischen Drucke, die aus Lima stammen. Padre Maldini war seit 50 Jahren Missionar in Bolivien aber alles andere als abgeklärt, routiniert oder gar amtsmüde, auch wenn er unter Rheuma litt und sich beim Treppensteigen durch den verwinkelten Komplex aus Kloster, Kirche und schließlich dem Weinkeller auf meinen Schultern abstütze. Im Zentrum des Klosters liegt der Lesesaal der Bibliothek, die Bücher sind nach Jahrgängen geordnet und eingestellt und darüber wölbt sich eine Decke auf der das Firmament des südlichen Nachthimmels abgebildet ist, der in dieser regenarmen Region besonders gut auszumachen ist, übrigens auch ein Grund, warum die Sowjetunion in der Umgebung in den 80er Jahren eine Sternwarte errichten ließ. Es ist ein vollkommen abgeschlossener Raum, eine eigene Welt ohne Bezug zur Außenwelt, eine Mönchszelle aus der das Tageslicht verbannt wurde.

Die Weltabgeschiedenheit der Franziskaner brachte mich ins Grübeln. Tarija war damals wie heute eine Grenzstadt, entstanden als Vorposten gegenüber den anbrandenden Wellen kriegerischer Guarani-Indianer, deren Befriedung die spanische Kolonialverwaltung zunächst den Jesuiten und nach deren Ausweisung den Franziskanern übertragen hatte. Daher verstanden sich die Missionare als Kirchen- soldaten und der Komplex aus Kloster und Kirche glich von außen einer Festung, anders als die prachtvollen Kirchen in Sucre oder Potosi, wo sich die Indios des Hochlandes der Kolonialverwaltung unterworfen hatten. Die Franziskaner haben die Entwicklung Boliviens in der Vergangenheit stärker bestimmt als jeder andere Kirchenorden und erst recht als die Zivilverwaltung seit Kolonialzeiten. Zum Abschied schenkte mir Padre Maldini seine Schrift mit dem Titel Caminar con Francisco de Asis und dem Untertitel Nuestra razón de ser es evangelizar ! - Unser Daseinsgrund ist die Evangelisation, davon war er fest überzeugt.

Eine ganz andere Bibliothek möchte ich Ihnen nahebringen, sozusagen das Gegenstück zur Bibliothek der Franziskaner in Tarija, ein weltlicher Ort inmitten des Amazonasgebietes. Die Bibliothek im Palacio de la Cultura in Guayaramerín, ein wenig hochtrabend Kulturpalast genannt, nicht weit von Brasilien entfernt, das auf der anderen Seite des Río Mamoré beginnt. Hier stehen keine Heerscharen an Büchern in Reih und Glied wie in den Kirchenbibliotheken. Es gibt nur einige wenige Bücher mit regionalen Bezug, die anderswo nicht erhältlich sind. Erstaunlich viel Dichtkunst ist darunter, die Poesie ist die literarische Kunstform, die zu dem offenen und ungebundenen Leben der Menschen im Amazonasgebiet am besten paßt, wie die zeitgenössischen Werke von Pedro Shimose, dem Sohn japanischer Einwan- derer, der wie kein anderer das Leben und die Gefühlswelt der Cambas einfängt. Und immer wieder ist von den bolivianischen Amazonaspionieren die Rede. Einer jener Pioniere, wohl der bedeutenste, war Nicolas Suárez (1851-1940). Unter dem Boden der Bibliothek lagern die Reste des Archivs seines Handelshauses, der Casa Suarez, in Packpapier geschnürt und wahllos durcheinander. Nicolas Suárez, der Kautschukkönig gehörte neben den drei Zinnbaronen Patiño, Hochschild und Arramayo zu den einflußreichsten Großindustriellen in Bolivien. In Cachuela Esperanza - 44 Dschungelkilometer von Guayaramerín entfernt - hat er sich sein eigenes Denkmal gesetzt. Cachuela Esperanza - übersetzt die Stromschnellen der Hoffnung - erscheint weniger als ein Ort sondern mehr als eine Idee, die einem Roman von Jules Verne entlehnt sein könnte. Nicolas Suárez ließ hier ein Theater und Tennisplätze, ein Luxushotel mit Blick auf die Stromschnellen und ein modernes Krankenhaus errichten. In Cachuela Esperanza stand der erste Röntgenapparat Boliviens und die Millionäre aus Rio und Sao Paulo wurden mit einem Wasserflugzeug der Lloyd Aero Boliviano eingeflogen. Nach der Revolution von 1952 zerfiel diese künstliche Dschungelstadt und später flatterten die alten Geschäftspapiere jahrelang durch den verlassenen Ort und verfingen sich in den knorrigen Mangobäumen, bis jemand in der Stadtverwaltung von Guayaramerin auf die Idee kam, die fliegenden Blätter einzusammeln, einen Transport zu organi- sieren und den verbliebenen Rest im Palacio de la Cultura einlagern zu lassen. Aber die Geschichte ist im Amazonasgebiet noch jung und daher noch nicht besonders wichtig, die Gegenwart und mehr noch die Zukunft zählt.

Der Verweis auf diese ausgewählten Orte soll kein Schwelgen in der Vergangenheit sein, sondern markiert einige der zentralen Ausgangspunkte der Entwicklung Bolivien, einige bedeutende Schnitt- stellen der bolivianischen Geschichte, im Gegensatz zu Statistiken, die sich an der Rückständigkeit und der Armut der meisten Bolivianer orientieren und das Land hinter Guyana in Südamerika auf den letzten Platz rücken. Schaut man aber nur auf die nackten Zahlen, übersieht man leicht die traditio- nellen und weitgehend intakten Strukturen des ländlichen bolivianischen Lebens, diese einzigartige Form des indianischen Land- und Arbeitsverteilungssystems (Ayllu), das aus vorkolonialer Zeit stammt und das die innere Stabilität des Landes gewährleistet.

Vergessen wir dabei nicht, daß die aktuellen Entwicklungen in Lateinamerika vor allem die ländlichen Räume zerstören. Dies läßt sich in Brasilien, Kolumbien, Peru und anderswo beobachten. Und die Kehrseite der Vernichtung der ländlichen Räume ist das explosionsartige Anwachsen der Städte, von Sao Paulo, Bogotá oder Lima, die die Kinder der Campesinos/-as mehrheitlich zu Slumbewohnern werden läßt.

La Paz hingegen ist noch immer überschaubar und die Problemsiedlung El Alto wirkt nicht so bedroh- lich wie die Elendsviertel anderer südamerikanischer Großstädte - und selbst das Kokaanbaugebiet
des Chapare ist nicht außer Kontrolle geraten, wie die Kokain produzierenden Regionen in Peru oder Kolumbien.

Auch deshalb, weil sich die bolivianische Drogenpolitik unverkrampfter gestaltet als die in Peru oder Kolumbien: Die Diskussion um die Kokapflanzungen wird offen geführt, und es hat sich als Vorteil erwiesen, die Kokabauern nicht zu kriminalisieren. Koka ist schließlich die heilige Pflanze der Inka, die man nicht einfach verbieten kann, und das Kauen der Blätter stillt nicht nur den Hunger, es hat auch eine rituelle Bedeutung. Deshalb unterscheidet das Kokagesetz 1008 zwischen legaler und illegaler Koka, eine weltweit einmalige Zweiteilung, das die 12.000 Hektar traditioneller Anbaufläche in den Yungas von den illegalen Anbauflächen im Chapare trennt. Jahr für Jahr treffen sich die Regierung und die Cocalero-Gewerkschaft mit ihrem Anführer Evo Morales um die Prämien für die durch die Amerika- ner festgelegten Beseitigungquoten auszuhandeln. Wie anders verhält sich die Situation da in Kolum- bien, wo eine repressive Politik unter Einsatz militärischer Mittel die Kokabauern in die Arme der Guerrilla treibt.

Es besteht zwar auch kein Grund angesichts der weniger dramatischen Zustände in Bolivien in falsche Sozial- und Umweltromantik zu verfallen, doch die gefährdete Balance zwischen den ländlichen Räumen und den städtischen Zentren ist in Bolivien noch erstaunlich intakt.

Deutsche Einwanderer
Verbunden mit Bolivien sind die Namen einer ganzen Reihe deutscher Immigranten.

Bereits vor dem zweiten Weltkrieg. kamen deutsche Kaufleute. Mutige Pioniere und Abenteurer zog es immer wieder nach Bolivien. Sie waren nach den Inka und Tiwanaku die ersten, die neue Handelswege zwischen den Anden und dem Amazonasgebiet erschlossen. Sie brachten Handelsware in die Dörfer am Andenabstieg und holten auf dem Rücken der Maultierkarawanen Gold und Gummi aus dem Tiefland.

Erstaunlich viele Hamburger waren darunter. Die Familien Richter und Günther, deren verwinkeltes und verwunschenes Handelshaus in Sorata heute ein Hotel ist, und der mysteriöse Karl ("Carlos") Frank, der im abgelegenen Pelechuco, sein Haus auf einem Felsen über den tosenden Wildwassern des Río Pelechuco errichtete und über dessen ungeklärtes Verschwinden die Bewohner des Dorfes noch heute rätseln.

Während der Nazi-Diktatur kamen jüdische Flüchtlinge; wie der Verleger und Buchhändler Werner Guttentag, der noch immer jedes Jahr Bolivien auf der Frankfurter Buchmesse mit einem eigenen Stand vertritt.

Nach dem 2. Weltkrieg haben sich auch in Bolivien - wie in Argentinien, Brasilien, Chile und Paraguay - Nazis eingefunden. Dieses düstere Kapitel trägt die Überschrift Klaus Barbie. Der einstige Gestapochef von Lyon lebte jahrelang unter falscher Identität in Bolivien und war in den 70er Jahren am Aufbau einer Geheimpolizei beteiligt, ehe er 1983 an Frankreich ausgeliefert wurde.

Eine herausragende Persönlichkeit ist sicherlich Hans Ertl - Bergsteiger, Dokumentarfilmer, Abenteurer, der seit den 50er Jahren in Bolivien lebt - vielleicht der "Mister Bolivia" des 20. Jahrhunderts. Ertl hat die schwierigsten Berggipfel der bolivianischen Anden, den Illimani und den Illampu, in den 50er Jahren teilweise im Alleingang bezwungen und wurde zum Vorbild der modernen Extrembergsteiger, auch für Reinhold Messner. In den 60er und 70er Jahren hat er die Anden gegen das Amazonasgebiet einge- tauscht. Ertl erkundete überwucherte Inkafestungen und war auf der Suche nach unentdeckten Indianer- völkern. Großartige Aufnahmen hat er über die in den 70er Jahren beinahe schon vergessenen Jesuiten-Kirchen in der Chiquitania gemacht. Heute lebt er hochbetagt auf seiner Finca La Dolorida im Dschungel nordöstlich von Santa Cruz, ein Naturparadies mit Capibaras, Tukanen, Kaimanen - ein Stück unbe- rührter Regenwald abseits der Dschungelpiste, die nach Brasilien führt. Ertls Leben selbst ist nicht ohne Tragik verlaufen. In Deutschland ist er als "Kameramann von Leni Riefenstahl" bekannt geworden, ein Umstand der trotz seiner bemerkenswerten Fähigkeiten als Dokumentarfilmer, eine Karriere im Deutschland der Nachkriegszeit vereitelte. Seine Tochter Monika gehörte zu den Sympathisanten der Ché-Guerrilla und wurde von den Militärs verschleppt und ermordet.

Aus Hamburg stammt auch der bolivianische Weinpionier Kohlberg, der die ersten Reben aus Argen- tinien nach Bolivien schmuggelte und der als der eigentliche Begründer der professionellen Kultivierung des Weinbaus in der Region Tarija gelten muß. Der deutsche Honorarkonsul in Tarija Herr Methfessel spürt seit Jahren präkolumbianische Felszeichnungen in den Trockentälern und Bergabhängen Süd-boliviens auf. Deutscher Abstammung ist Willi Kenning aus Santa Cruz, einer der besten Landschafts- fotografen Südamerikas. Heute engagieren sich deutschstämmige Bolivianer und deutsche Einwanderer im zukunftsträchtigen Tourismusbereich. Kleine "deutsche Kolonien" sind in Coroico (Yungas) und in Samaipata (bei Santa Cruz) entstanden.

Gegenwart
Bolivien hat sich seit dem Verlust des Pazifikzugangs an Chile Ende des 19. Jahrhunderts gegen seine isolierte Lage aufgelehnt, aber statt den Meerzugang zurück zu gewinnen, sind weitere Landverluste im 20. Jahrhundert hinzugekommen, der Verlust des Acre-Territoriums an Brasilien und großer Teile des Chaco an Paraguay. Aufgrund der jahrzehntelangen Isolation haben viele Entwicklungen des 20. Jahr- hunderts Bolivien erst spät erreicht. Aber es besteht seit den 80er Jahren ein funktionsfähiges und mittlerweile gefestigtes demokratisches System. Im Vergleich zu den Nachbarländern durchläuft Bolivien eine langsamere aber auch sozial verträgliche Entwicklung. Dadurch verzeichnet das Land nur geringe Kriminalitätsraten. Gewaltkriminalität ist praktisch unbekannt. Und deshalb sind auch die privaten und zum Teil martialisch ausgestatteten Sicherheitskräfte - Wachleute und Leibwächter - die das Stadtbild der meisten südamerikanischen Metropolen prägen, in La Paz, Santa Cruz und Cocha- bamba kaum verbreitet.

Nun steht die wirtschaftliche Öffnung des Landes und voranschreitende Integration in den Mercosur, dem gemeinsamen Markt des Südens, dem Bolivien als assoziertes Mitglied angehört, vor der Tür. Dies wird Bolivien stark verändern. Auch wenn auf dem Altiplano von den anstehenden Veränderungen noch nicht allzu viel zu spüren ist, die Boomstädte Santa Cruz und Cochabamba sind bereits in einem schnellen Wandel begriffen. Die wirtschaftliche Entwicklung verläuft entlang der Achse La Paz - Cochabamba - Santa Cruz, und die zukünftige Entwicklung Boliviens wird viel stärker als zuvor von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen der beiden großen Nachbarstaaten Argentinien und Brasilien beeinflußt werden - eine Entwicklung, der sich Bolivien auch und vor allem wegen seiner mehrheitlich indianischen Bevölkerung bislang entzogen hat.

Am meisten profitiert die Departementhauptstadt Santa Cruz von der Öffnung des Landes. Santa Cruz gehört inzwischen zu den am schnellsten wachsenden Städten Südamerikas, auch wenn die Gesamt- einwohnerzahl noch unter einer Million liegt. In Santa Cruz ist auch der brasilianische Einfluss unüber- sehbar. Santa Cruz wächst zu einem neuen "Knotenpunkt" Südamerikas heran, weil es geographisch in der Mitte zwischen Atlantik und Pazifik, zwischen Chile und Brasilien liegt. Hier wächst der Kontinent zusammen. Der bislang unbeplante Bereich zwischen der portugiesisch- und spanischsprachigen Welt entlang des Amazonasgebietes von Venezuela bis Bolivien beginnt sich an dieser Stelle zu schließen. Seit 1999 strömt bolivianisches Erdgas durch eine Pipeline ins 1800 Kilometer entfernte Sao Paulo. Es ist daher sicher kein Zufall, daß in Brasilien seit diesem Jahr erstmals Spanisch als Pflichtfach in den weiterführenden Schulen unterrichtet wird. Auch dies ist ein Beleg für die wachsenden Integrations- prozesse innerhalb der Mercosur-Region. Für Bolivien ergeben sich bessere Exportchancen durch das Wirtschaftsbündnis für Strom, landwirtschaftlicher Produkte, insbesondere Soja, aber auch anderer entwicklungsfähiger Agrargüter, wie Kaffee und Zitrusfrüchte. Bei Tarija, im Grenzgebiet zu Argentinien befindet sich eine interessante entwicklungsfähige Weinbauregion, die höchste Weinlage der Welt.

Aber die voranschreitende Integration birgt auch Gefahren für die soziale Entwicklung des Landes, vor allem bezogen auf seine ländlichen Strukturen (Allyu, Subsistenzwirtschaft etc.). So existieren Stau- dammprojekte, z.B. für den Oberlauf des Río Beni, um Hydroenergie zu gewinnen. Als Stromabnehmer kommen hier vor allem die Industrie und Haushalte im brasilianischen Amazonasgebiet in Betracht. Und durch den Bau von Staudämmen geriete der Lebensraum der in diesem Gebiet lebenden indigenen Völker in Gefahr.

Die Chancen die sich für Bolivien in der Zukunft bieten, müssen daher sorgfältig mit den Risiken abge- wogen werden. Ein besonderes Augenmerk ist dabei auch auf den Erhalt und die Stärkung indigener Land- und Produktionsstrukturen zu richten. Diese bilden noch immer die Grundlage des bolivianischen Gesellschaftssystems und damit das identitätsstiftende Element für seine Bewohner. Eine Moderni- sierung der staatlichen Institutionen, der Wirtschaft und der Sozialsysteme in Bolivien ist unumgänglich, aber die Reformen müssen den Vorstellungen der Mehrheit - einer indianischen Mehrheit - entsprechen. Dann wird Bolivien auch in Zukunft seinen sozialen Frieden und damit noch lange seinen Charme und seinen besonderen Zauber bewahren können.