Abschied von Gabriel García Marquez
(1927 – 2014)

Ein Nachruf von Dr. Frank Semper


 

Es hatte sich abgezeichnet.

Das letzte veröffentlichte Foto aus dem März
dieses Jahres zeigt ihn erschreckend alt geworden,
ein Greis, schon nicht mehr ganz von dieser Welt,
ganz anders, als wir ihn in Erinnerung behalten
möchten.

 

Foto by Jose Lara
CC-BY-SA-2.0
via Wikimedia Commons

Gabriel García Marquez

Gabriel García Márquez war der größte Schriftsteller Lateinamerikas der letzten Jahrzehnte, ein Gigant, dessen Meisterwerk Hundert Jahre Einsamkeit selbst heutzutage in China in einer Auflage gelesen wird wie sonst nur Harry Potter. Und er war zugleich so kolumbianisch wie man es nur sein kann. Die großen Themen, Liebe, Tod, Verrat, Zerfall, Vergeblichkeit und Untergang, persönlich wie politisch hat er in seinen Werken stets facettenreich variiert. Seine politische Nähe zum kubanischen Staatslenker Fidel Castro hat die Öffentlichkeit zunächst kaum registriert, später, nach dem weitflächigen Untergang des real existierenden Sozialismus in den 1990er Jahren, wurde seine Haltung als gestrig und verbohrt gewertet.

Gabriel García Márquez war nie so geschickt im öffentlichen Auftreten wie der Diplomat, sein früher Freund und späterer Antipode, der schließlich ebenfalls den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte, Mario Vargas Llosa. Er wollte es auch nicht sein und akzeptieren, dass sich der Wind gedreht hatte, der Kommunismus verloren, der Kapitalismus gesiegt hatte, er durfte sich auf das Vorrecht des Schriftstellers berufen, seine Wahrheit zu verkünden, die jenseits der aktuellen politischen Kräfteverhältnisse zu verorten war. Dabei war Lateinamerika für GGM stets mehr als nur ein in der Vergangenheit verankertes Macondo. Aber Macondo, diese literarische Fiktion, war der Ausgangs- wie Endpunkt seines literarischen Schaffens.

Die Welt ein (globales) Dorf? Das klinkt zu abgegriffen, und jüngere Kritiker haben García Márquez` Werken vorgehalten, sie seien auf ein ländliches Lateinamerika projiziert, das im Verschwinden begriffen sei und daher nicht mehr zeitgemäß. Zwar haben die letzten Jahrzehnte in Kolumbien und andernorts auf dem Kontinent zu einer rasanten Verstädterung geführt, aber die von Gabriel García Márquez behandelten Themen, seine Figuren und Schauplätze sind daher nicht obsolet geworden, im Gegenteil, ihr fiktionaler Gehalt und ihre literarische Größe kommen nun umso mehr zum Tragen und sprechen nachfolgende Generationen an. Wie der Schriftsteller selbst, geboren 1927 in dem kleinen Nest Aracataca, das verloren in der Zeit geblieben ist, haben sich García Márquez und seine Literatur einen unverrückbaren Platz in der Welt erobert.

Wir verneigen uns.