Humboldt und ich – Ein Vortrag von Frank Semper

gehalten am 19.08.2008 auf Einladung des Goethe-Institut in Bogotá
beim Instituto PENSAR der Universidad Javeriana, im Auditorio Luis Carlos Galán
anlässlich des Internationalen Kolloquiums
»Drei traurige Tropen – Vorurteile und nationale Identität«.

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Humboldt und ich

Die Bedeutung Alexander von Humboldts für einen deutschen Reisenden
in den kolumbianischen Tropen

Viel zitierter Ausgangspunkt des Interesses und der Begeisterung für die südamerikanischen Tropen aus europäischer und insbesondere aus deutscher Sicht ist die Forschungsreise Alexander von Humboldts in den Jahren 1799-1804, die ihn durch weite Landstriche der heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Kuba und Mexiko führte. Humboldt selbst sprach von den Äquinoktial- Gegenden des Neuen Kontinents.

Für Lateinamerikanisten und Humboldtverehrer markiert diese, seine erste große und fünfjährige Reise den zentralen Kern seines methodologischen Schaffens und ist zugleich der Bezugspunkt einer nachfolgend vertieften vielgestaltigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit Lateinamerika, deren Langzeitwirkungen bis heute andauern.

Augenblicklich erlebt Alexander von Humboldt erneut und das nicht zum ersten Mal und wohl nicht zum letzten Mal eine Renaissance, weil seine interdisziplinären Forschungsarbeiten und die Grenzen der Disziplinen überschreitenden Impulse noch nicht durch die engen Grenzen des sich im 19. Jahrhundert herausbildenden und bis heute vorherrschenden Spezialistentums beschränkt waren.

Noch in den 1980er und 1990er Jahren konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, dass die Person Alexander von Humboldts und sein Nachwirken in Lateinamerika weit präsenter und aktueller waren als in Deutschland selbst, und dass, obwohl eine Reihe namhafter deutscher Wissenschaftler und Bio-graphen wie Hanno Beck, Kurt-R. Biermann, Ottmar Ette, Renate Löschner oder Frank Holl, um nur die wichtigsten zu nennen, mit ihrer bewundernswert umfassenden und breitgefassten Publikationstätigkeit das Lebenswerk des großen Naturforschers in all seinen Facetten über viele Jahre systematisch zusammenstellten, kommentierten, und in den Kontext der Gegenwart zu stellen versuchten.

 

der junge Humboldt (1814)

Der junge Humboldt (1814) in
einem Stich von Alfred Krause


Insbesondere wurden in der Folge die beiden umfangreichen großvolumigen Bände „Kosmos“ und „Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“ erstmals vollständig in deutscher Sprache durch Hans Magnus Enzensberger herausgegeben. Es handelt sich hierbei um zwei bahnbrechende Publikationen an der spannend oszillierenden Schwelle zwischen ernsthafter Wissen- schaft und deren populärer Vermittlung und Verbreitung, das eine war Humboldt ebenso wichtig wie das andere. Und schon bald nach Erscheinen der beiden Bände war der fruchtbare Boden bereitet für die phänomenale Aufnahme des Romans des jungen deutschen Erzählers Daniel Kehlmann, „Die Vermes- sung der Welt“ , der Humboldts Amerikareise zum Thema nimmt und seit Erscheinen im Jahr 2005 über 1,4 Millionen mal verkauft wurde.

Die damit einhergehende bis vor einiger Zeit nicht für möglich gehaltene Popularisierung Alexander von Humboldts ist sicherlich auch ein Gradmesser für die neu entflammte Anerkennung und Bewunderung seiner vielen Talente und Fähigkeiten, mehr noch aber für die offenherzige, unvoreingenommene (und keineswegs naive) Herangehensweise an fremde Länder und Kulturen, der Umgang mit allen Bevöl- kerungsschichten vom Indio bis zum Vizekönig, der ihm schon zu Lebzeiten große Sympathien eingebracht hatte.

Das wieder erweckte und gesteigerte Interesse an dieser vielschichtigen und facettenreichen Persön-lichkeit geht dabei über die akademischen Kreise unser beider Länder hinaus.

Das Wirken Alexander von Humboldts als Initiator und Wegbereiter so vieler unterschiedlicher Wissenschaften und wissenschaftlicher Teildisziplinen, von der Klimatologie über die Pflanzengeo- graphie und Geologie, Ozeanographie, Meteorologie bis hin zur ökonomischen Statistik, blieb dem heutzutage unerreichbaren Ideal des kompletten Wissenschaftlers oder Universalgelehrten verpflichtet.

Der Schriftsteller Kehlmann sieht in Humboldt einen Weimarer Klassiker, ausgesandt, um die Klassik in die Welt und in diesem Fall nach Macondo zu tragen. Das evoziere Missverständnisse zwischen den Kulturen, und eben daraus schlägt Kehlmanns Prosa seine kreativen Funken und präsentiert uns eine moderne Adaption Alexander von Humboldt, allerdings viel zu misanthropisch und bisweilen bis zur Karikatur verzerrt, ein theoretisierender, praktischer Lebenserfahrung abgeneigter, ehrgeiziger und bisweilen in seinem Streben nach wissenschaftlicher Vollständigkeit und Perfektion in allen Lebens- lagen sogar ungewollt komisch wirkender Wissenschaftler, dem Erkenntnis, aber auch Ruhm und Ehre über alles gingen.

Der reale Humboldt schwärmte in einem Brief an Carl Ludwig Willdenow, den er am 21.2. 1801 aus Havanna schrieb: „Meine Gesundheit und Fröhlichkeit hat trotz des ewigen Wechsels von Nässe, Hitze und Gebirgskälte sichtbar zugenommen seitdem ich Spanien verließ. Die Tropenwelt ist mein Element, und ich bin nie so ununterbrochen gesund gewesen, als in den letzten zwei Jahren.“ Ein schöneres Kompliment kann man den Tropen nicht machen. Auf der Reise genoss Humboldt seine persönlichen Eindrücke und Empfindungen, doch der später verfasste Bericht musste seinem Anspruch nach einer nüchternen wissenschaftlichen Einordnung des Vorgefundenen entsprechen.

Humboldts Flussreise zwischen Orinoco und Río Negro

Es lohnt sich stets, nicht nur Humboldts Schriften zu lesen, sondern ebenso seine Amerika-Reise vor Ort nachzuvollziehen, zumal den Reiseabschnitt der vom Oberlauf des Orinoco über den Atabapo und seinen Zuflüssen bis zum Río Negro folgt, auf dem Weg durch San Fernando de Atabapo, Javita und Moroa, heute zu Venezuela gehörende Grenzdörfer, zu Humboldts Zeiten Missionen der Franziskaner, und weiter auf der kolumbianischen Seite bis nach San Felipe am Río Negro, zu Kolonialzeiten eine Festung des spanischen Kolonialreiches gegenüber den im Süden liegenden portugiesischen Besitz- ungen und schließlich flussabwärts bis nach Cocuí im Dreiländereck Kolumbien, Venezuela und Brasilien.

Dort im entfernten Grenzgebiet zwischen Kolumbien, Venezuela und Brasilien ist der Geist Humboldts noch immer in seiner starken und unverfälschten Dosis vorzufinden, so dass auf diese Region die Bezeichnung „terra Humboldtiana“ in besonderer Weise zutrifft, denn hier liegt das gravitätische Zentrum seiner Amerikareise. Nirgendwo sonst, als in dem kaum besiedelten Gebiet zwischen Orinoco und Río Negro lassen sich die Humboldtschen Eintragungen in seinem Reisetagebuch aus dem April und Mai 1800 zu plastisch vergegen- wärtigen, nirgendwo sonst, als auf diesem Abschnitt seiner Reise hat sich in den letzten zweihundert Jahren so wenig verändert wie hier. Auch daher rührt Humboldts anhaltende Aktualität.  


Gemälde einer Amazonaskarte an einer Hauswand

Humboldt fühlte sich, nachdem seine Expedition den Orinoco in der Nacht fast unbemerkt verlassen hatte, bei Sonnenaufgang des anbrechenden Tages wie in ein anderes Land versetzt. Er hatte den Orinoco bei der Mission San Fernando verlassen und war anschließend die zusammenhängenden kleinen Schwarzwasserflüsse Atabapo, Temi und Tuamini stromaufwärts bis zur Mission Javita gerudert. Von dort ließ er seine Piroge über eine Landenge bis zum Caño Pimichín tragen, der in vielen weiten Schleifen in den Río Guiania mündet, der flussabwärts Río Negro heißt.

Bis heute ist dies die schnellste und kürzeste Landverbindung zwischen den beiden Flüssen, allerdings längst nicht mehr so gebräuchlich wie zu Zeiten Humboldts, ganz im Gegenteil inzwischen weitgehend aufgegeben. Zu Humboldts Zeiten verkürzte die Route signifikant die Verbindung zwischen dem spani- schen Grenzposten San Felipe mit dem nächstgelegenen kolonialen Verwaltungszentrum in Angosturas (heute Ciudad Bolívar) auf 24 Tage, während der Umweg über den Río Casiquiare zum Orinoco 50-60 Tage dauern konnte.

Humboldt zog im Vergleich mit den Flussverbindungen in den offenen oder in der Zivilisation schon fortgeschrittenen Ländern (im damaligen Europa) den Schluß, dass sich in den undurchdringlichen Urwäldern, die Unterschiede zwischen den Völkern verfestigen und das Misstrauen, gar der Haß unter den Völkern verstärkt werde. Am Río Negro endete nicht nur das spanische Weltreich, hier geriet auch die Kartographie Humboldts an ihre Grenzen. Die vielfältigen Verästelungen der Flussläufe, die perio- dischen Überschwemmungen, die verwirrenden unterschiedlichen Namensgebungen durch die ver- schiedenen Indianervölker erschwerten eine vernünftige Grenzziehung, wenn es sie nicht gänzlich unmöglich machte, Humboldt versuchte sich in einer hydrologischen Theorie der Wasserläufe, einer Ordnung und Klassifizierung der Flusssysteme und prognostizierte, durch Aufschüttungen und Versandungen würden sich im Laufe von Jahrhunderten feste Grenzen herausbilden. Und tatsächlich gelang Humboldt nicht nur der Beweis, dass die Flusssysteme von Orinoco und Amazonas über die Bifurkation des Casiquiare mit einander verbunden sind, er sortierte zudem die in den Anden entspringenden Zuflüsse entsprechend ihrer Zielrichtungen Orinoco oder Amazonas und hielt es sich zu Gute, endlich Licht in die bestehende Verwirrung um Herkunft und Verlauf von Caquetá, Orinoco und Río Negro gebracht zu haben.

So sehr es ihn auch gereizt hätte, den Río Negro stromabwärts, hinein nach Brasilien (die portugie-sische Provinz Gran Pará) konnte Humboldt nicht reisen. Dort hielt man ihn der Spionage und Agitation verdächtig und es war sogar ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt worden. Humboldt sollte bei der seiner Einreise nach Brasilien festgenommen und seine Instrumente beschlagnahmt werden.

Humboldt respektierte die (Staats-) Grenzen im Amazonasgebiet, aber eine hohe Meinung hatte er von ihnen nicht, weder von der Art der Befestigungen in San Carlos und San Felipe noch vor den Grenz- kontrollen. Er lobte die Einheimischen als vortreffliche Geographen, die die Grenzen spielend umgingen.

Nach der Unabhängigkeit haben sich die neu entstandenen Staaten Kolumbien, Venezuela und Brasilien in der Tat lange Zeit nicht mit Grenzfragen beschäftigt und die Region jahrzehntelang ihrer Abgeschiedenheit überlassen. Erst 122 Jahre nach Humboldts Reise nahm eine kolumbianisch- venezolanische Grenzkommission diese Region, deren Grenzverlauf ungeklärt geblieben war, erneut unter die Lupe.

Während Humboldt noch erstklassig ausgerüstet war, fehlten der Kommission von 1922/23 beinahe sämtliche Instrumente, um vernünftige Grenzziehungen vornehmen zu können, aber die Region inspirierte einen ihrer Teilnehmer, den Juristen und Poeten José Eustasio Rivera, zu seinem litera- rischen Meisterwerk: La Vorágine. Nachdem er seinen Dienst quittiert hatte, versuchte Rivera gar nicht mehr Ordnung in die verwirrende Vielfalt der Flusssysteme zu bringen, sondern genoß es, sich von ihren Strudeln mitreißen zu lassen. Er besingt und verflucht den Wald als grünen Kerker und großen Friedhof.

Das Missionssystem, das Humboldt vorgefunden hatte und von dem er auf seiner Reise profitiert hatte, war verfallen, inzwischen regierte das Gesetz des Dschungels, das Gesetz des Stärkeren.

Nachdem die Region für die Kautschukgewinnung interessant geworden war, hatte Coronel Funes zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Macht an sich gerissen. Rivera nennt es das „Funes-System“ ein System, einen Geisteszustand, benannt nach einer Person die alle Macht in sich vereinte, Coronel Funes, diese kolum-bianisch-venezolanische Variante eines Coronel Kurtz ließ in einem Massaker in San Fernando de Atabapo viele der kleinen Kautschukunternehmer ermorden. Der Einfluß des Dschungels pervertiert den Menschen wie der Alkohol, schreibt Rivera. Faszination und Schrecken lassen sich nicht voneinander trennen.  

Coronel Funes wurde 1921 füsiliert. Gegenüber dem flachen Hotel Mayra in San Fernando liegt sein Grab auf dem überwucherten Friedhof, eine weißgetünchte Grabplatte mit frisch nachgezogenen schwarzen Lettern.

Die weiteren Häuser des Ortes zerfallen und werden notdürftig mit Blech und Farbe zusammengehalten. Aber Humboldt hatte wieder einmal recht, die am Oberlauf des Orinoco so weitverbreiteten Pium oder Jején-Schwärme sind in San Fernando verschwunden.



Empfehlungsschreiben der kol. Generalkonsuls in Puerto Ayacucho

Möchte man Alexander von Humboldt und Eustasio Rivera heutzutage auf eigene Faust nachreisen, muss man zunächst die venezolanischen Kontrollen südlich von Puerto Ayacucho hinter sich bringen, denn die Behörden Venezuela gestatten Fahrten am Oberlauf des Orinoco ausschließlich in Begleitung eines lizenzierten Guías. Mit Hilfe eines Empfehlungsschreibens des kolumbianischen Generalkonsuls in Puerto Ayacucho, gelang es mir einen auf fünf Reisetage begrenzten Passierschein der venezola- nischen Gobernación de Estado Amazonas für die Route bis San Fernando de Atabapo und Moroa („ohne Wiederkehr“) zu erhalten.



Passierschein des Gobierno de Amazonas (Venezuela)

An der Anlegestelle in Samariapo oberhalb der Raudales de Maipures erwischte ich einen bongo, ein langes Kanu, beladen mit Benzinfässern nach San Pedro, auf halbem Wege nach San Fernando de Atabapo, die Art der Fortbewegung, die man als „en la cola“ bezeichnet. Am nächsten Morgen versuchte ich auf diese Weise weiterzukommen, saß inmitten von Schwärmen unersättlicher Jején, bekleidet mit einem Hemd mit langen Ärmeln und einer qualmenden Moskitospirale vor Augen stun-denlang am schattenlosen Flussufer und versuchte eines der wenigen Boote herzuwinken, die weit entfernt am gegenüberliegenden Ufer des Orinoco, der an dieser Stelle bis zu 2 km breit ist, vorbeizogen. Endlich konnte ich im Dorf ein Boot auftreiben, das mich auf die gegenüberliegende kolumbianische Flussseite brachte, zu Marco, der einen kleinen Handelsposten betrieb und mich mit offenen Armen empfing. Nach zwei Tagen mit Marcos Familie erwischte ich einen langsamen Benzinkahn auf dem Weg in den Río Guaviare, der eine große kolumbianische und eine kleine venezolanische Fahne gehisst hatte und nur ungern einen Gringo wie mich mitnahm, aber Marcos eindringliche Worte ließen keine Widerrede zu und so legten wir nach einer Übernachtung in der Hängematte an Bord am nächsten Morgen in Amanavén an, und mit dem lokalen Fährboot setzte ich anschließend nach San Fernando de Atabapo über. Zwischen Anleger und Plaza Bolívar hat die Guardía Nacional ihren Posten, der dienst-habende Militär hatte vor sich zwei Kladden für die Ein- und Ausreisen liegen und verlangte nach dem „Permiso“. Ich zeigte den Passierschein mit den Stempeln vor, der misstrauisch beäugt wurde , „wo ist der Guía?“ kam die nächste Frage. Ein Gringo ohne Guía, das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Einer der umstehenden Uniformierten entfernte sich mit dem Passierschein in Richtung seines Vorgesetzten, der mich barsch ansprach, „Es fehlt der Kontrollstempel von der Isla Ratón, schlimmer noch, auch der Eingangsstempel der Garnison von Puerto Ayacucho “. „Woher soll ich denn wissen, wo die Guardia Nacional überall ihre Posten hat?“ „Deshalb brauchst Du einen Guía“, bekam ich zur Antwort. Aber dann erhielt ich doch den erhofften Stempel zum Aufenthalt in San Fernando de Atabapo.



Die vielen Stempel auf der Rückseite des Passierscheins

Mit einer Expresstour erreichte ich anschließend Javita, zu Humboldts Zeiten die lebendige Missions-station San Antonio de Javita, wo er fünf Tage zugebracht hatte, solange, bis die Piroge zum Trageplatz am Caño Pimíchín transportiert war. Humboldt blieb ausreichend Zeit, um den Wald in der Umgebung gründlich zu studieren. Die 160 Indianer im Ort trieben hauptsächlich Schiffsbau. Javita ist heute fast vollständig verlassen. Die wenigen ansässigen Indigenen und Weißen ernten aber immer noch die Fasern der weitverbreiteten Chiqui-Chiqui-Palme, die für Besen und Seile Verwendung findet, ein Gewerbe, dem Humboldt sogar einen kleinen Exkurs gewidmet hat.

Ich schlug mein Zelt im aufgegebenen Schulhaus auf und fuhr am nächsten Morgen mit dem einzig vorhan- denen Kfz, einem Pick Up auf der Dschungelpiste bis nach Moroa, am Rio Negro, eine mehrstündige Fahrt, die immer wieder unterbrochen wurde, weil der Weg von Bächen unterspült war und die behelfsmäßig auf dem Dach festgemachten Wellbleche, die für den Bau der Garnison in Moroa bestimmt waren, verrutschten, mehrmals hinunterfielen und anschließend erneut befestigt werden mußten.  

Humboldt machte am Río Negro eine Beobachtung, die sich ohne Einschränkungen auch noch nach zweihundert Jahren bestätigen lässt. „Die Lebensmittel sind am Río Negro sehr teuer, weil man nur wenig Maniok und Bananen anbaut und der Strom (wie alle schwarzen, klaren) Gewässer) wenig Fische hat. Die beste Versorgung kommt von den portugiesischen Niederlassungen am Rio Negro. Indessen werden bei diesem Handel mit den Portugiesen jährlich kaum für 2000 Piaster Waren eingeführt.“

Als ich San Felipe erreichte, hatte gerade ein brasilianisches Frachtschiff am Anleger festgemacht. mit einem Vorrat an tiefgekühlten Hühnchen im Laderaum. Wenn keine Tiefkühlhühner an Land kommen, bleiben nur Sardinen aus der Dose, Eier und Maniok zur Ernährung. Selten genug ließ sich in San Felipe mal ein Transportflieger aus Puerto Inirída oder Villavicencio blicken.

Die Einreise ins brasilianische Amazonasgebiet ist auch heute noch oder erneut problematisch und Ausländer sind nicht gern gesehen. Der deutsche Abenteurer und Überlebensexperte Rüdiger Nehberg musste die Erfahrung im Jahr 2003 machen, als er sich vom Grenzgebiet in Guyana bis nach Manaus durchschlug und von den brasilianischen Behörden der Biopiraterie, der illegalen Einreise und des illegalen Betretens von Indianerterritorien verdächtigt wurde. Und mittlerweile hat das Nachbarland ein Gesetz verabschiedet, das Reisenden grundsätzlich den Zutritt in weite Bereich des Amazonasgebietes verwehrt, wie generös sind hingegen noch immer die kolumbianischen Behörden.

Martius' Brasilienreise bis nach Araracuara

Anknüpfend an Alexander von Humboldt unternahmen die beiden deutschen Naturkundler Carl Friedrich Philipp von Martius und Johann Baptist von Spix ihre Brasilien Reise zwischen 1817-1820. Humboldt hatte seine Reise auf eigene Kosten finanziert und eigenhändig eine umfassende Erlaubnis beim spanischen König Karl IV eingeholt, um die spanischen Kolonien unbeaufsichtigt zu durchmessen. Er entschied selbst über Reiseroute, Reisebegleiter und die Art und Weise der Fortbewegungsmittel. Humboldt war unabhängig, wie ein König ohne Reich, auf Augenhöhe mit den Mächtigen.

Martius und Spix reisten hingegen im Auftrag des bayrischen Königs Maximiliam I. durch ganz Brasilien und schließlich den Amazonas flussaufwärts bis nach Tefé, an der Einmündung des Japurá, einem der längsten und wasserreichsten Amazonaszuflüsse, der auf kolumbianischer Seite Río Caquetá heißt. Der Verlauf des Río Caquetá war noch zu Zeiten von Humboldts Reise unerforscht und nur gerüchte- weise bekannt. Von Forschungsreisenden war der Japurá/Caquetá wegen der flussaufwärts vermuteten Katarakte und die wegen ihrer vorgeblichen Grausamkeit lange Zeit gefürchteten, dort lebenden indige- nen Huaques, (auch Murciélagos genannt) lange Zeit gemieden worden. Maßgebend für den Fluss- verlauf waren die kartographischen Vorgaben des französischen Forschungsreisenden Charles Marie de La Condamine, der dem Rio Caquetá in seinem ansonsten so treffenden Bericht nach seiner Amazo- nasreise 1743 auf der Suche nach einer Flussverbindung zwischen Amazonas und Orinoco mehrere Gabelteilungen zugedacht hatte, und damit einem seit den Zeiten der ersten Chronisten bestehenden geographischen Irrtum verfestigte, der sich nur schwer aus der Welt schaffen ließ. Alexander von Humboldt konnte die lange Zeit herrschenden Ansichten überzeugend widerlegen, wonach der wunder- same Río Caquetá, Wasser sowohl an den Orinoco, den Putumayo und auch an den Río Negro abgebe.

Daher bot sich am Japurá/Caquetá die große Chance für Martius kartographisches Neuland zu erkunden. Er träumte von den ungebundenen Wilden, die er in Brasilien bereits nicht mehr angetroffen hatte. Als er den Chorro de Cordoba oberhalb der heutigen kolumbianischen Grenzansiedlung La Pedrera hinter sich gelassen hatte, registrierte er euphorisch: „Ich durfte annehmen, mich jetzt in einem vom Hauche europäischer Zivilisation noch unberührten, den Ureinwohnern Amerikas unbestrittenen Lande zu befinden.“ Eine zutreffende Schlussfolgerung. Als ich den Rio Caquetá vor einigen Jahren bereiste, war ich ebenfalls auf der Suche nach einem Land, das ausschließlich oder doch zumindest überwiegend von den Mythen der Indigenen bestimmt sei. Und tatsächlich ist dieses Gebiet ein einzigartiger Natur- und Kulturraum geblieben, und Kolumbien hat gut daran getan, dieses Land den indigenen Huitoto, Bora, Miraña und den anderen indigenen Völkern die dort leben, in den 1980er Jahren offiziell zu übergeben. Der Resguardo Predio Putumayo bildet mit über 5 Mio. Hekter die größte zusammenhängende von Indigenen bewohnte und verwaltete Landfläche in Kolumbien.

Die Reise von Martius nach Westen endete am Chorro von Araracuara, Martius war von der Hitze, den ewigen Stechmücken (Jején) und Malariaschüben ausgelaugt und gezeichnet, und er war froh, nun endlich den Heimweg stromabwärts antreten zu können. Auch meine Reise endete am Chorro von Araracuara, der wie eine natürliche Flussbarriere wirkt. Ich musste auf einen der unregelmäßigen Satena-Flüge warten und hatte daher ausreichend Zeit mich umzusehen.

Anders aber als Martius, der sich hier von den Schreck-nissen einer der Menschheit fremden , starren Wildnis eingeengt fühlte und sehnsüchtig nach Europa blickte, nahm mich die Welt am Medio Caquetá vollständig gefangen. Mehrmals verschob ich den Abflug nach Bogotá und fuhr ein ums andere Mal in den Chorro, den Schlund des Río Caquetá, hinein, um die Fischer bei ihrer aufregenden Arbeit zu begleiten, wenn sie die zuckenden und wild um sich schlagenden Leiber der Lecheros und Tigerbagres im Gewirr der Stromschnel- len, Strudel und Stauwasser harpunierten.  

Chorro de Araracuara

Humboldt in Bogotá

Humboldt hat einen europäischen Blick auf Lateinamerika geworfen. In seinem Schriften, aber gelang es ihm, sich stärker von der eurozentrischen Sichtweise freizumachen als viele andere seiner europäischen Zeitgenossen.

Dazu haben ihn sicher seine materielle Unabhängigkeit wie intellektuelle Redlichkeit befähigt. Humboldt war der erste, der die bereits bestehenden Entwicklungsunterschiede in Lateinamerika zwischen den Anden und den Tieflandregionen bewusst wahrnahm und differenziert beschreiben konnte.

Er erreichte Bogotá im Juli 1801 und blieb bis zu seiner Abreise in Richtung Ibagué am 8.09.1801 einige Wochen in der Stadt. Sein Einzug in die Stadt hatte eher dem Rang eines Staatsmannes als dem eines Forschungsreisenden gegolten, so sehr war ihm sein Ruf bereits vorausgeeilt, als ihn der Erzbischof in seine sechsspännige Kutsche steigen ließ´. Dabei hatte Humboldt nur eins im Sinn, seine gesammel- ten Pflanzen mit der Sammlung des großen José Celestino Mutis und der Real Expedición Botanica zu vergleichen, der einst als Leibarzt des Vizekönigs ins Land gekommen war, und als einer der größten Naturwissenschaftler seiner Zeit galt.

Bogotá ist mit seiner Vielzahl an herausragenden Bibliotheken, Instituten und Archiven ein idealer Ort zur Vorbereitung für die Weiterreise in die tropischen Tieflandregionen wie auch zur Nachbereitung und weiteren Durchdringung einer derartigen Reise. Die Bibliotheken des Hochlandes sind vertraute Orte in der Fremde, schon zu Zeiten Humboldts und auch heute.

Nicht allein die Anzahl und Vielfalt der Bibliotheken in Bogotá , von der Großbibliothek Luis Angel Arango bis hin zu den vielen Spezialbibliotheken wie dem Instituto Colombiano de Antropología und dem Instituto Amazonía de Investigaciónes Cientificas ist beeindruckend, ihre Konzentration im historischen Zentrum und der rege Besucherstrom zeugen von einer beeindruckenden Wissbegierde. Auch ich habe von den guten Bildungs- und Dokumentationsstätten außerordentlich profitiert, als ich hier vor Ort meine Studie über „Die Rechte der indigenen Völker in Kolumbien“ verfassen konnte.

Humboldt betonte die klimatischen Vorteile der Höhenlagen mit ihrer frischen, reinen Luft für die Lagerung und Verwahrung von Urkunden und Dokumenten, während die alles zersetzenden Termiten dem Fortschritt der Zivilisation schwer zu besiegende Hindernisse in den tropischen Regionen entgegensetzten. Auf der Hochebene der Anden schwinde die Hitze und die plagenden Insekten störten weder Tagesarbeit und Nachtruhe, und so wurde Bogotá für ihn zu einem wichtigen Aufenthaltsort, um Archivmaterial zu ordnen und auszuwerten und die noch folgenden Reiseabschnitte vorzubereiten. Aus den klimatischen Vorteilen schloß Humboldt allerdings auch auf die moralisch-zivilisatorische Über- legenheit der Höhenlagen. Ein intellektuelles Selbstverständnis, das allgemein verbreitet ist.

Während meiner Studien in Kolumbien hatte ich die Gelegenheit Professor Carlos Restepo Piedrahita, den renommierten Verfassungsrechtler und langjährigen Rektor der Universidad Externado de Colombia kennen zu lernen, Verfasser vieler beachtenswerter Monographien und ein großer Bewunderer von Friedrich Nietzsche. Den gehobenen Ansprüchen eines Carlos Restrepo ist selbst die Höhenlage Bogotás bisweilen nicht ausreichend, seit er zu Beginn seiner Laufbahn den 1960er Jahren eine Reise zur Wiederentdeckung des Nietzschesteins nach Sils-Maria in den Schweizer Alpen unternommen und später in einem ausgezeichneten Beitrag für El Tiempo beschrieben hatte. Carlos Restrepo hegte eine besondere Vorliebe für das Hochgebirge, die eisige Luft der Berge, die starke Luft der Höhe, von der Nietzsche im Vorwort zum Ecce Homo spricht. Er nutzte die wenigen ihm, neben seiner umfangreichen Tätigkeit in Forschung und Lehre verbleibenden freien Stunden an den Wochenenden zu ausgiebigen Wanderungen im rückwärtig von Bogotá liegenden Gebirges. Er sah die Landschaft der Anden ganz im Sinne Friedrich Nietzsches und schwärmte von einer Atmosphäre die nicht von Sauerstoff, sondern Ozon erfüllt sei.

Meine Begeisterung für die Tropenwälder teilte er zwar nicht, schien ihm aber für einen Deutschen auch nicht Ungewöhnliches zu sein, „Die Deutschen lieben die Wälder, der Wald ist eine Lebensnotwendig- keit für den Deutschen“, zitierte er die auf Deutsch verfasste Textstelle aus seinem Reisebuch.

Ein sich Hingezogenfühlen zu den Tropenwäldern findet man hingegen bei Alexander von Humboldt. Dieses Gefühl hat seine Wahrnehmung Lateinamerikas in starkem Maße geprägt. Noch existierten die Wälder im Überfluss und der Mensch schien gleichsam in einer wilden und gigantischen Natur zu verschwinden. Aber diese Natur schien in Humboldts Augen der Entwicklung der Menschheit eher im Wege zu stehen. Zwar finden sich in seinen Schriften auch viele Belege für ein erstaunlich sensibles Naturbewusstseins. Vergessen wir aber nicht, Amerikas Natur war jungfräulich, so das ökologischen Belangen im Allgemeinen kein zentraler Stellenwert zukam.

Heute empfinden wir ein gesteigertes Verantwortungsgefühl für die noch verbliebenen Tropenwälder, das aus dem gewachsenen Wissen um ihre Fragilität und Unersetzbarkeit und dem Bewusstsein um ihre rasant voranschreitende Vernichtung resultiert. Die verbliebenen Tropenwälder sind als noch weitgehend unerschlossene, potentieller Anbau- und Produktionsflächen natürlicher Ressourcen ins Blickfeld gera- ten. Bei der Diskussion um die Ausweitung von Soja- und Zuckerrohrfeldern und der Förderung von Bodenschätzen zur Befriedigung wachsender nationaler wie internationaler Nahrungs- und Energie- märkte, gerät der Gedanke leicht ins Hintertreffen, dass die ins Auge gefassten Regionen für ihre Bewohner einen eigenständigen Lebensraum darstellen, verbunden mit einem eigenen Lebensgefühl, mit einem ureigenen Gemüts- und Seelenzustand behaftet, wie er in Kolumbien überall in den tropischen Regionen anzutreffen ist, und erstmals durch Eustasio Rivera in La Vorágine so glänzend beschrieben und ins allgemeine nationale Bewusstsein gerückt wurde. Noch prägt die Mächtigkeit der sie umgeben-den Natur den Menschen in den kolumbianischen Tropen und stärkt ihre Identität, so dass man sich an peripher liegenden Ort wie Puerto Carreño, Puerto Inírida, Leticia, um nur einige zu nennen, nicht verloren fühlt, sondern ganz im Gegenteil, manchmal meint im Mittelpunkt der Welt zu stehen.

Welchen Raum werden die kolumbianischen Tropen in Zukunft noch für sich beanspruchen können, wenn sie in absehbarer Zeit an das kapitalistische Wirtschaftssystem angeschlossen werden? Werden die Bewohner im Amazonasgebiet, den Llanos Orientales im Chocó und der Guajira von den Entwick- lungen profitieren können oder werden der Bau neuer Straßen, Häfen und Ölpipelines die Auswirkungen von Armut und Unterentwicklung bei den Menschen vor Ort verstärken?

Man setzt sich beim Eintreten für die Welt der Tropen leicht dem Verdacht aus, ein rettungsloser Romantiker oder rückwärts gewandter Antimodernist zu sein. Bei Alexander von Humboldt kann man lernen, dass, der aufmerksame, unvereingenommene Blick und die anschließende sorgfältige Analyse den Problemen am ehesten gerecht wird. Humboldts Überlegungen und seine in Deutschland wie Lateinamerika vielzitierten Äußerungen zu Ökologie, Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit beruhen vor allen Dingen auf gründlicher Beobachtung und seiner Liebe zu Lateinamerika und erfolgten nicht aufgrund einer vorgefassten, ideologisch eingefärbten Sichtweise. Daher ist Humboldt heute so aktuell wie eh und je und unverzichtbar zum Verständnis der kolumbianischen Tropen.

Herzlichen Dank

 

Literaturhinweise

  • Bitterli, Urs: Die Entdeckung Amerikas (von Kolumbus bis Alexander von Humboldt),
    Verlag C.H. Beck, München (1999)
  • Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt,
    Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg (2005)
  • Humboldt, Alexander von: Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas,
    Eichborn, Frankfurt am Main, 2004
  • Humboldt, Alexander von: Aus meinem Leben, Autobiographische Bekenntnisse,
    zusammengestellt und erläutert von Kurt-R.Biermann, Verlag C.H. Beck, München (1989)
  • Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung
    Eichborn, Frankfurt am Main, 2004
  • Humboldt, Alexander von: Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents,
    Hrsg. Ottmar Ette, zwei Bände, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig (1991)
  • Holl, Frank: Alexander von Humboldt, „ Geschichtsschreiber der Kolonien“ (14.02.2004), in Goethezeitportal.
    URL: http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/ahumboldt/holl_kolonialismus.pdf
  • McIntyre, Loren A.: Die amerikanische Reise – Auf den Spuren des großen deutschen Forschers Alexander v. Humboldt,
    Geo, Gruner+Jahr, Hamburg, 4. A. (1999)
  • Restrepo Piedrahita, Carlos: Cuaderno de Viaje (tras las huellas de Nietzsche y Maquiavelo),
    Universidad Externado de Colombia, Bogotá (1994)
  • Rivera, José Eustasio: La Vorágine,
    Ed. La Oveja Negra, Bogotá,
  • Semper, Frank: Tor zum Amazonas,
    Sebra-Verlag, Hamburg (1999)
  • Semper, Frank: Die Rechte der indigenen Völker in Kolumbien,
    Sebra-Verlag Hamburg (2003)
  • Spix, Johann Baptist von; Martius, Carl Friedrich Philipp: Reise in Brasilien in den Jahren 1817-1820,
    hrsg. von Karl Mägdefrau, Dritter Band, Brockhaus, Stuttgart (1966)