Kolumbien Sommermärchen

Ein Beitrag von Dr. Frank Semper


Das Auftreten der kolumbianischen Fußballnational- mannschaft während der WM 2014 in Brasilien hat uns beeindruckt und verzaubert, bereits in der Vorrunde mit drei Siegen, 22 eingesetzten Spielern, und erst recht im Achtelfinale gegen Uruguay, beim Galaauftritt von James Rodríguez, als sich Kolumbien locker und glänzend für das nächste Viertelfinal-Spiel gegen Brasilien qualifizierte, dann allerdings ausscheiden musste. Was für ein Team, technisch versiert, kompakt, harmonisch, mit allen Qualitäten des modernen Fußballspiels ausgestattet. In einer starken Mannschaft überragte neben James insbesondere Juan Cuadrado, dessen Erscheinung mit den Korkenzieherlocken am ehesten der des legendären Carlos Valderrama nahekommt und dessen quirlige Spielweise dem überkritischen Co-Kommentator Mehmet Scholl 'zu wild' vorkam. Die Selección spielte, von der wackeligen ersten Halbzeit gegen den Gastgeber Brasilien einmal abgesehen, überragend. Ein, zwei Salsatanzeinlagen nach Torerfolgen zur Erheiterung und Erholung auf dem Spielfeld statt drei Tage Eistonne.

Der Geist von 'El Pibe' Valderrama
Wieder da. Der Geist von 'El Pibe' Valderrama.
Foto: Frank Semper

Traurigkeit nach dem Ausscheiden gegen Brasilien und viel Stolz, Emotionen, statt ewige Analysen und Kameraeinstellungen bis zum Abwinken. Kolumbien präsentierte einen wahrhaft wilden, mitreißenden Fußball (bis zum Ausscheiden), Deutschland überlegten, gelegentlich eiskalten Ergebnisfußball, verbunden mit Präzision, Spielstärke und streckenweise traumwandlerischen Ballkombinationen. Kolumbien war erfolgreich, Deutschland unschlagbar. Wenn überhaupt noch eine andere Spielweise außer der eigenen im Überschwang des gewonnen Weltmeistertitels in Deutschland lobende Erwähnung fand, dann war es die der kolumbianischen Nationalmannschaft, auferstanden wie Phönix aus der Asche eines in den 1990er Jahren viel versprechend gestarteten, aber schließlich ruinierten Fußballs, plötzlich auch hierzulande wahrgenommen und mit einemmal hoch geschätzt, so als hätte das Fifa-Ranking (aktuell Rang 4) vor dem Turnier für scheinbar exotische Mannschaften wie Kolumbien so gar keine Bedeutung bei der Beurteilung ihrer Spielstärke beanspruchen dürfen.

Mit dem begeisternden Auftreten der Selección hatte auch das Verbalgestocher unter den deutschen Sportreportern eingesetzt. Zu den üblichen Klischees gesellten sich falsch ausgesprochene Fußballernamen. Der ahnungslose Steffen Simon wechselte statt eines Mejía einen 'Meschah' im Spiel gegen Uruguay ein, und Kolumbien wurde als 'die Überraschung der WM' (einmal abgesehen von Costa Rica) ausgerufen. Da die meisten Zuschauer in Deutschland zuvor auch den Giro d' Italia verpasst haben dürften, dieses Jahr erstmals nicht im Free-TV zu empfangen, blieb ihnen somit auch der Sieg eines anderen großen kolumbianischen Sportlers, nämlich der von Nairo Quintana verborgen.

In keinem anderen Lebensbereich dreht sich die öffentliche Meinung so schnell wie im Fußball. Was zuvor noch mit Argwohn betrachtet wurde, gilt plötzlich und ab sofort als wegweisend und stilprägend. Umgekehrt hatte nach dem mühsamen Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Algerien in der Heimat herbe Kritik von allen Seiten eingesetzt, die nach dem souveränen Sieg gegen Frankreich vier Tage später in die allgemeine Gewissheit umgeschlagen war, 'so werden wir Weltmeister'.

Zum Superstar der Selección avancierte die Nummer '10', der 22 jährige James Rodriguez. Er war in weiser Vorausschau bereits vor dem Turnier vom einstigen Spielführer und Rekordnationalspieler, der legendären '10' aus der vielzitierten goldenen Generation der 1990er Jahre, Carlos 'El Pibe' Valderrama als sein würdiger Nachfolger ausgeguckt worden. Die Ehrenbezeichnung 'El Pibe' ist und bleibt wie so manche Besonderheit im kolumbianischen Spanisch ein Fremdwort für die deutschen Sender, die sie nüchtern und nichtssagend mit 'das Kind' übersetzten. 'Der Junge', 'der Bubi', 'das Bürschchen' sind schon zutreffendere Synonyme, gemeint ist ein 'Straßenfußballer a la colombiana', einer mit schneller Auffassungsgabe, sympathischer Schlitzohrigkeit und Cleverness (nicht zu verwechseln mit kindlicher Naivität), von solch herausragenden Eigenschaften, die nicht allein im kolumbianischen Fußball über alle anderen zu stellen sind, Eigenschaften, die alle Fans an ihren Spielern so verehren, in ihrer Bedeutung allenfalls zu vergleichen mit den von Olli Kahn stets ins Feld geführten 'Eiern', die den deutschen Spielern zum WM-Sieg verhelfen würden, was sie dann auch taten. Echte Straßenfußballer gibt es in Kolumbien heutzutage allerdings fast ebenso selten wie in Deutschland. Die Erfolge beider Fußballnationen begründen sich längst auf eine professionelle wie exzellente Jugendarbeit, wobei junge Talente aus Kolumbien nicht selten ihre erste Profistation in Argentinien spielen, so wie James und der während der WM verletzte Falcao, um anschließend in Europa kometenhaft zu hoch bezahlten Superstars aufzusteigen.

Der bezaubernde Cucuteño James, in Ibagué groß geworden, der wohl deshalb die Salsa so liebt, aber sie laut eigener Aussage nicht zu tanzen versteht, was sich aufgrund der Fernsehbilder wirklich nicht bestätigen lässt, aber insoweit nachvollziehbar erscheint, da er die meisten Jahre seines noch jungen Lebens in der abgelegenen Hauptstadt des Departements Tolima Ibagué, verbracht hat, einer Stadt, die mit ihrer Vorliebe für klassische Musik sicherlich nicht der ideale Ort ist, um in Kolumbien die Salsa zu erlernen, dann schon eher ein Streichinstrument, während die ihn umgebenden Mitspieler aus Cali oder dem Chocó die Salsa im Blut haben. Die Salsa und der Fußball gehören in Kolumbien schon länger zusammen. Unvergessen die Zeiten, als jede gelungene Aktion der Mannschaft mit dem eingespielten Refrain 'No me digas mas caballero, no me digas mas', aufgepeppt wurde, waren es nun Torschüsse oder Glanzparaden des 'wilden' Schlussmannes René Higuita. Bei so mancher Live-Übertragung wünschte man sich diesen Weckruf auch im deutschen Fernsehen.

Nach der langen Durststrecke verpasster WM-Teilnahmen 2002, 2006, 2010 konnte sich der kolum- bianische Fußball diesmal nicht einmal überraschend auf Weltniveau etablieren, und vieles spricht dafür, dass es noch einige Zeit lang so bleiben wird und demnächst sogar mit Titeln gerechnet werden darf. Die Mannschaft ist jung und hungrig, die Spieler haben bereits wichtige Erfahrungen in den großen europäischen Ligen gesammelt, der fußballerische Know-how-Transfer hat gut funktioniert und was noch wichtiger ist, diese Selección hat sich aus dem korrupten und kriminellen Sumpf befreit, der ihrer Vorgängergeneration zum Verhängnis geworden ist. Sie ist zum sympathischen Aushängeschild eines Landes geworden, das sich nicht länger im Krisenmodus befindet, sondern eine aufstrebende Nation repräsentiert. Ein Zeichen wohltuender Normalität in einem Land, das die vorangegangenen Jahrzehnte gewalttätiger Eruptionen erst einmal überwinden musste und nun damit beschäftigt ist, eine friedliche und gerechtere Gesellschaft zu erschaffen. Entscheidende Gründe, warum sich die Selección von heute von der von vor zwanzig Jahren grundlegend unterscheidet, als zum letzten Mal die Begeisterung für das kolumbianische Team entflammte. Die 'goldene Generation' der 1990er Jahre konnte nicht die Früchte ihres Spiels ernten und hatte sich mit der Ermordung des Eigentorschützens Andrés Escobar an jenem heute so weit zurückliegenden 2. Juli 1994 in Medellín, wenige Tage nach dem verlorenen WM-Spiel gegen die USA und dem anschließenden Ausscheiden aus dem Turnier in eine 'verfluchte Generation' verwandelt. Wer der Einschätzung Pelés gefolgt war und Wetten auf einen WM-Sieg Kolumbiens abgeschlossen hatte, hatte den Einsatz ruck, zuck verloren, schlimmer noch die Vorkommnisse von damals sollten die mala fama Kolumbiens über Jahre zementieren.

Keiner der exponierten Spieler fand im Ausland die Anerkennung und damit einhergehend das finanzielle Auskommen, das er verdient hätte. Der kolumbianische Fußball der 1990er Jahre blieb hoffnungslos verstrickt in die Machenschaften aus Drogenhandel, Spielmanipulationen und selbst des Entführungs- geschäftes. Die besten Spieler jener Zeit waren bei Vereinen wie dem mehrfachen Landesmeister Atlético Nacional de Medellín oder América de Cali unter Vertrag, die von den Drogenkartellen finanziert wurden, und selbst als sie zu namhaften europäischen Fußballclubs wechselten, kamen sie zumeist über eine Statistenrolle nicht hinaus und verschwanden bald ganz in der Versenkung. Adolfo 'El Tren' Valencia wechselte zu den Bayern, wurde in der Lederhose präsentiert und anschließend vergessen, bis Franz Beckenbauer, der die Mannschaft nach dem erfolglosen Zwischenspiel von Erich Ribbeck während der Spielzeit 93/94 übernommen hatte, den viel geschmähten Stürmer in die erste Elf zurückholte, der es mit einer respektablen Trefferquote dankte. Oder Freddy Rincón, Torschütze gegen Deutschland bei der WM 1990 und gleichfalls aus Buenaventura stammend, der nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn als Strohmann für Geldwäschegeschäfte der Drogenkartelle aufflog.

Seine aktive Zeit als Volksheld und moralische Instanz überdauerte allein der große Carlos Valderrama aus Santa Marta, auch wenn dessen Auslandseinsatz nicht über den vergleichsweise kleinen Club Montpellier im Frankreich hinausgekommen war. Vor dem Stadion seines Heimatclubs Unión Magdalena steht seine Statue in Überlebensgröße. Es ist nicht erstaunlich, dass Valderrama während der WM in Brasilien zum gefragten Interviewpartner zu Hause wurde, er verkörpert den Geist eines (nun hoffentlich) sauberen, einzig sich selbst und den Zuschauern verpflichteten kolumbianischen Fußballs, der sich wie die aufgehende Sonne Tag für Tag über dieses verheißungsvolle Land legt und in der wunderbaren Leichtigkeit des Spiels von James und seinen Mittänzern seine aktuelle Ausprägung gefunden hat. Der zu Beginn der WM noch schüchterne James beendet seine Interviews nach dem Spiel gern mit einem 'Vamos Colombia!' In diesem Sinne, auf zur Copa America im nächsten Jahr in Chile.

© Frank Semper 2014